Von „Ich habe keine Gabe“ bis zur Frage, was einen guten schamanisch Arbeitenden wirklich ausmacht

Thomas hatte ein Problem.

Zumindest glaubte er, eines zu haben.

Er hatte keine Visionen.

Er sah keine Aura.

Er hörte keine Stimmen.

Und wenn andere Menschen erzählten, sie hätten schon als Kinder Dinge wahrgenommen, die sonst niemand bemerkt habe, konnte Thomas mit keiner vergleichbaren Geschichte dienen.

Er hatte auch nie davon geträumt, eines Tages Schamane zu werden.

Eigentlich war Thomas ziemlich unspektakulär.

Dann hatte er seine ersten Erfahrungen mit schamanischen Reisen gemacht.

Und etwas daran faszinierte ihn.

Er wollte mehr darüber erfahren. Nicht nur einzelne Reisen machen, sondern verstehen, was dahintersteckt und lernen, selbstständig damit umzugehen.

Doch je mehr er las und je mehr Menschen er darüber sprechen hörte, desto größer wurde seine Unsicherheit.

Irgendwann fragte er:

„Kann ich Schamanismus überhaupt lernen – oder braucht man dafür eine besondere Gabe?“


Die Sache mit der „Gabe“

Die Vorstellung begegnet uns immer wieder:

Für schamanisches Arbeiten müsse man irgendwie besonders sein.

Besonders medial.

Besonders hellsichtig.

Besonders spirituell.

Vielleicht müsse man schon als Kind außergewöhnliche Erfahrungen gemacht haben oder Dinge wahrnehmen können, die andere Menschen nicht wahrnehmen.

Und wenn all das nicht zutrifft?

Dann scheint die Antwort schnell festzustehen:

„Dann bin ich dafür wohl nicht geeignet.“

Aber so einfach ist es nicht.

Menschen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit.

Das gilt für schamanisches Lernen genauso wie für beinahe alles andere.

Ein Mensch besitzt vielleicht eine sehr bildhafte Vorstellungskraft.

Ein anderer spürt Veränderungen im Körper ausgesprochen fein.

Jemand kann hervorragend zuhören.

Ein anderer erkennt Zusammenhänge schnell.

Manche Menschen vertrauen ihrer Intuition von Anfang an.

Andere brauchen lange, bis sie überhaupt unterscheiden können:

Was nehme ich gerade wahr – und was erwarte ich wahrzunehmen?

Das bedeutet aber zunächst nur:

Wir beginnen nicht alle am selben Punkt.

Nicht:

Nur einige wenige dürfen überhaupt anfangen.


Begabung ist nicht dasselbe wie Befähigung

Nehmen wir Musik.

Ein Kind setzt sich zum ersten Mal ans Klavier und findet erstaunlich schnell Melodien wieder.

Ein anderes braucht wesentlich länger.

Das erste Kind bringt vielleicht eine besondere Begabung mit.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass es später der bessere Musiker sein wird.

Denn irgendwann kommen andere Dinge hinzu:

Übung.

Ausdauer.

Technik.

Erfahrung.

Die Bereitschaft, Fehler zu erkennen.

Und die Fähigkeit, weiterzulernen.

Beim schamanischen Lernen ist es ähnlich.

Eine ausgeprägte intuitive oder bildhafte Wahrnehmung kann hilfreich sein.

Aber sie ersetzt weder Wissen noch Erfahrung.

Und schon gar nicht Verantwortungsbewusstsein.

Manchmal kann ein Mensch, der anfangs sehr vorsichtig und zweifelnd ist, sogar etwas ausgesprochen Wertvolles mitbringen:

die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.


Muss ich spirituell sein?

Das hängt zunächst davon ab, was wir unter „spirituell“ verstehen.

Du musst bei uns keine bestimmte Weltanschauung übernehmen.

Du musst auch nicht jeden Gedanken glauben, nur weil jemand ihn als spirituell bezeichnet.

Im Gegenteil.

Neugier ist uns wichtiger als blinder Glaube.

Du darfst Fragen stellen.

Du darfst zweifeln.

Du darfst sagen:

„Das verstehe ich nicht.“

Oder:

„Damit kann ich nichts anfangen.“

Schamanisches Lernen bedeutet für uns nicht, den kritischen Verstand an der Tür abzugeben.

Es bedeutet, zusätzlich zu dem, was wir bereits kennen, eine weitere Form des Erlebens und Wahrnehmens kennenzulernen.

Was du daraus für dein eigenes Weltbild ableitest, bleibt deine Entscheidung.


„Aber andere können viel mehr als ich.“

Das ist eine der schnellsten Möglichkeiten, sich selbst beim Lernen zu verunsichern.

Du sitzt nach einer Reise in einer Gruppe.

Eine Person erzählt von einer detaillierten Landschaft.

Die nächste hat etwas gehört.

Jemand berichtet von einer intensiven Begegnung.

Und du hattest vielleicht nur ein Gefühl.

Schon beginnt der Vergleich:

„Die anderen sind weiter.“

Aber woran wollen wir das messen?

An der Anzahl der Bilder?

An der Länge einer Reise?

An möglichst spektakulären Erlebnissen?

Wie wir bereits bei der Frage „Ich sehe nichts!“ betrachtet haben, können Menschen sehr unterschiedlich wahrnehmen.

Ein einzelner Gedanke kann für jemanden bedeutsamer sein als ein zwanzigminütiger innerer Film.

Deshalb versuchen wir nicht, aus schamanischem Lernen einen Wettbewerb zu machen.

Es geht nicht darum, wer am meisten wahrnimmt.

Es geht darum, wie du mit deiner Wahrnehmung umgehst.


Kann also wirklich jeder Schamane werden?

Hier wird die Antwort differenzierter.

Denn zwei Fragen werden häufig miteinander vermischt:

Kann ein Mensch schamanische Methoden kennenlernen und schamanisches Reisen lernen?

und

Ist dieser Mensch geeignet, später verantwortungsvoll mit anderen Menschen zu arbeiten?

Das ist nicht dasselbe.

Viele Menschen können schamanische Methoden für ihre persönliche Entwicklung kennenlernen.

Doch sobald wir beginnen, einen anderen Menschen zu begleiten, verändert sich unsere Verantwortung.

Dann reicht es nicht mehr, reisen zu können.

Es reicht auch nicht, besonders intuitiv zu sein.

Und eine spektakuläre Wahrnehmung macht noch lange keinen guten Begleiter.


Vielleicht sind die wichtigsten Fähigkeiten viel unspektakulärer

Was brauchen wir, wenn wir irgendwann mit Menschen arbeiten möchten?

Natürlich Wissen und praktische Erfahrung.

Aber noch etwas anderes wird entscheidend:

Kann ich zuhören?

Kann ich einen Menschen begleiten, ohne ihm meine eigene Geschichte überzustülpen?

Kann ich unterscheiden zwischen dem, was ich wahrgenommen habe, und dem, was ich daraus interpretiere?

Kann ich akzeptieren, dass mein Gegenüber eine andere Entscheidung trifft, als ich es tun würde?

Kann ich Grenzen respektieren?

Kann ich Verantwortung übernehmen?

Kann ich erkennen, wann eine Situation meine Kompetenz überschreitet?

Und kann ich diesen vielleicht schwierigsten Satz sagen:

„Das weiß ich nicht.“

Für uns gehört genau das zu guter schamanischer Arbeit.

Nicht Allwissenheit.

Sondern das Bewusstsein dafür, wo das eigene Wissen endet.


Intuition braucht Verantwortung

Stell dir vor, du arbeitest später für einen anderen Menschen und während einer Reise erscheint ein bestimmtes Bild.

Dann kannst du sagen:

„Während meiner Reise habe ich dieses Bild wahrgenommen.“

Damit beschreibst du deine Erfahrung.

Etwas vollkommen anderes wäre:

„Das bedeutet, dass in deinem Leben definitiv dieses oder jenes passiert ist.“

Plötzlich wird aus deiner Wahrnehmung eine behauptete Tatsache über einen anderen Menschen.

Genau deshalb genügt es nicht, Intuition zu entwickeln.

Wir müssen gleichzeitig lernen, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.

Vielleicht ist deshalb die wichtigste schamanische Fähigkeit gar nicht, besonders viel wahrzunehmen.

Vielleicht ist sie, mit dem Wahrgenommenen verantwortungsvoll umgehen zu können.


Und was ist mit dem Alter?

Auch diese Frage begegnet uns:

„Lohnt sich eine Ausbildung in meinem Alter überhaupt noch?“

Vielleicht bist du 50.

Oder älter.

Und dann sitzt irgendwo im Kurs ein Mensch, der deutlich jünger ist und scheinbar mühelos Zugang zu allem findet.

Alter entscheidet nicht darüber, ob du etwas Neues lernen darfst.

Und Lebenserfahrung kann sogar etwas Wertvolles mitbringen.

Du hast vermutlich schon erlebt, dass Menschen komplizierter sind als Lehrbücher.

Dass Entscheidungen selten nur richtig oder falsch sind.

Dass Lebenswege Umwege machen.

Dass Verlust, Neubeginn, Liebe, Enttäuschung und Veränderung einen Menschen prägen können.

Aber auch hier gilt:

Alter macht nicht automatisch weise.

Entscheidend bleibt die Bereitschaft, neugierig zu bleiben.

Zu lernen.

Eigene Überzeugungen zu hinterfragen.

Und vielleicht auch mit 60 noch sagen zu können:

„Das habe ich bisher anders gesehen.“


Thomas hatte also doch eine Fähigkeit

Erinnern wir uns an Thomas.

Den Mann ohne Visionen.

Ohne besondere Kindheitserlebnisse.

Ohne das Gefühl, für Schamanismus geboren worden zu sein.

Vielleicht hatte Thomas tatsächlich nicht die ausgeprägteste bildhafte Wahrnehmung seiner Gruppe.

Aber er brachte etwas anderes mit.

Er wollte verstehen.

Er fragte nach.

Er übte.

Er nahm Rückmeldungen ernst.

Und wenn er sich bei etwas nicht sicher war, sagte er nicht:

„Ich weiß, dass es so ist.“

Sondern:

„Das habe ich wahrgenommen. Lass uns schauen, was es bedeuten könnte.“

Vielleicht war genau das eine seiner größten Stärken.


Wozu brauche ich dann überhaupt eine Ausbildung?

Wenn wir keine geheimnisvolle „Gabe“ verlangen, könnte man natürlich fragen:

Warum brauche ich dann eine mehrjährige Ausbildung?

Gerade deshalb.

Eine Ausbildung sollte nicht nur Techniken vermitteln.

Sie sollte einen Entwicklungsweg ermöglichen.

Am Anfang steht vielleicht:

Wie funktioniert eine schamanische Reise?

Später kommen andere Fragen:

Wie nehme ich wahr?

Wie reflektiere ich meine Erfahrungen?

Wie unterscheide ich Wahrnehmung und Interpretation?

Welche Methoden gibt es?

Wann kann eine Methode sinnvoll sein?

Wo liegen ihre Grenzen?

Wie begleite ich einen anderen Menschen?

Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um?

Und irgendwann:

Kann ich das, was ich gelernt habe, selbstständig und verantwortungsvoll anwenden?

Das entsteht nicht an einem Wochenende.

Nicht weil Schamanismus künstlich kompliziert gemacht werden müsste.

Sondern weil Erfahrung Zeit braucht.


Unser schamanischer Weg beginnt nicht mit „Du musst besonders sein“

Unsere Ausbildung „Der schamanische Weg“ beginnt deshalb mit Grundlagen und Selbstführung.

Bevor jemand komplexe Methoden mit anderen Menschen anwenden soll, geht es zunächst darum, selbst zu lernen.

Wahrnehmen.

Reisen.

Erfahren.

Reflektieren.

Und die eigene Art des Arbeitens kennenzulernen.

Später kommen schamanische Heiltechniken und weitere Formen der Arbeit hinzu.

Nicht alles auf einmal.

Sondern Schritt für Schritt.

Denn das Ziel einer Ausbildung sollte nicht sein, möglichst schnell einen Titel zu bekommen.

Das Ziel sollte sein:

Am Ende wirklich etwas zu können, das man verantworten kann.


Vielleicht stellst du also die falsche Frage

Vielleicht fragst du dich gerade:

„Habe ich überhaupt die Gabe dazu?“

Dann möchten wir dir eine andere Frage anbieten:

„Bin ich bereit zu lernen?“

Bin ich neugierig?

Bin ich bereit zu üben?

Kann ich mich selbst hinterfragen?

Kann ich akzeptieren, dass Entwicklung Zeit braucht?

Kann ich lernen, meiner Wahrnehmung Raum zu geben, ohne sie automatisch zur Wahrheit zu erklären?

Und bin ich bereit, Verantwortung für das zu übernehmen, was ich später mit diesem Wissen tue?

Wenn du diese Fragen nicht alle sofort mit einem überzeugten Ja beantworten kannst, ist das übrigens kein Ausschlusskriterium.

Schließlich möchtest du eine Ausbildung beginnen.

Nicht beweisen, dass du sie bereits hinter dir hast.


🌿 Wissen & Lernwege – Orenda Academy

Wege entdecken. Wissen vertiefen. Entwicklung leben.

Mit „Wissen & Lernwege“ beantworten wir Fragen, die Menschen vor und während einer Ausbildung immer wieder beschäftigen – gerade auch jene, die manchmal aus Unsicherheit gar nicht gestellt werden.

Für eine schamanische Ausbildung bei uns musst du nicht beweisen, dass du „besonders begabt“ bist.

Du kommst schließlich nicht zu uns, weil du schon alles kannst.

Du kommst, um zu lernen.

Wer Schamanismus von Grund auf kennenlernen und sich über mehrere Jahre vom eigenen Erleben bis zum verantwortungsvollen Arbeiten mit anderen Menschen entwickeln möchte, findet diesen Weg in unserer Ausbildung „Der schamanische Weg“.

🌿 Mehr über die Ausbildung und unsere weiteren Lernwege:

Orenda Academy

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