Warum eine schamanische Reise nicht aussehen muss wie ein Film in deinem Kopf
Sabine war enttäuscht.
Eigentlich sogar mehr als das.
Sie saß nach ihrer ersten schamanischen Reise noch auf ihrer Matte, während um sie herum die anderen langsam wieder ins Gespräch kamen.
Eine Teilnehmerin hatte einen Wald gesehen.
Jemand anderes erzählte von einem Fluss.
Und der Mann neben ihr hatte offenbar sein Krafttier getroffen – inklusive Fellfarbe, Augen und einer Landschaft, die er so detailliert beschrieb, dass Sabine sie beinahe selbst vor sich sehen konnte.
Dann kam die Frage:
„Und? Was hast du gesehen?“
Sabine zögerte.
„Nichts.“
„Gar nichts?“
„Nein. Bei mir war es einfach dunkel.“
Und dann kam der Satz, den wir in ähnlicher Form immer wieder hören:
„Ich glaube, ich kann das einfach nicht.“
Muss man bei einer schamanischen Reise etwas sehen?
Nein.
Und manchmal würde es vermutlich schon eine Menge Unsicherheit verhindern, wenn wir das vor der allerersten Reise deutlich genug sagen würden.
Denn der Begriff schamanische Reise erzeugt schnell eine bestimmte Erwartung.
Wir schließen die Augen, die Trommel beginnt – und irgendwo in unserem Kopf startet ein Film.
Wälder erscheinen.
Tiere kommen auf uns zu.
Vielleicht sehen wir Landschaften, Menschen oder Wesen.
Alles deutlich, farbig und möglichst noch mit einer zusammenhängenden Handlung.
Bei manchen Menschen kann eine Reise tatsächlich so bildhaft sein.
Bei anderen überhaupt nicht.
Und beides ist in Ordnung.
Das Problem beginnt häufig erst dann, wenn wir die Wahrnehmung eines anderen Menschen zum Maßstab für unsere eigene machen.
Wahrnehmen ist viel mehr als Sehen
Vielleicht hat Sabine tatsächlich keinen Wald gesehen.
Aber während der Reise hatte sie plötzlich das Gefühl, über weichen Boden zu laufen.
Irgendwann wurde ihr warm.
Dann kam völlig unvermittelt der Gedanke:
„Links.“
Sie hatte ihn ignoriert.
Warum?
Weil sie auf ein Bild wartete.
Und genau darin steckt etwas, das beim schamanischen Lernen ausgesprochen wichtig ist:
Vielleicht hast du gar nicht nichts wahrgenommen.
Vielleicht hast du nur darauf gewartet, dass deine Wahrnehmung anders aussieht.
Menschen nehmen innere Erfahrungen sehr unterschiedlich wahr.
Manche sehen Bilder.
Andere hören Worte, Geräusche oder Sätze.
Manche spüren etwas im Körper.
Andere nehmen plötzlich eine Stimmung wahr.
Wieder andere wissen etwas, ohne erklären zu können, woher dieser Gedanke gerade gekommen ist.
Und manchmal ist eine Wahrnehmung so unscheinbar, dass wir sie innerhalb von Sekunden wieder verwerfen.
Ach, das war bestimmt nur ein Gedanke.
Vielleicht.
Aber was, wenn genau dieser Gedanke der Anfang deiner Wahrnehmung war?
„Aber ich sehe wirklich nur schwarz.“
Auch das hören wir.
Und auch dann lautet unsere Antwort nicht:
„Dann kannst du eben nicht reisen.“
Es kann sein, dass deine innere Vorstellung weniger bildhaft funktioniert als die eines anderen Menschen.
Nicht jeder kann vor seinem inneren Auge gleichermaßen deutlich Bilder erzeugen. Am anderen Ende des Spektrums gibt es Menschen, die innere Bilder kaum oder gar nicht willentlich visualisieren können – dafür wird heute unter anderem der Begriff Aphantasie verwendet.
Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Mensch keine Fantasie besitzt.
Und schon gar nicht, dass er keine inneren Erfahrungen machen kann.
Es bedeutet zunächst nur:
Seine Wahrnehmung funktioniert anders.
Gerade deshalb finden wir es problematisch, wenn schamanisches Reisen ausschließlich über die Frage vermittelt wird:
„Was hast du gesehen?“
Viel interessanter sind Fragen wie:
Was hast du wahrgenommen?
Hat sich etwas verändert?
Gab es einen Gedanken, der plötzlich da war?
Eine Richtung?
Eine Körperempfindung?
Ein Gefühl?
Ein Wort?
Eine Ahnung?
Oder vielleicht tatsächlich zunächst gar nichts?
Auch das darf sein.
Je mehr du sehen willst, desto schwieriger kann es werden
Dann passiert nämlich häufig etwas ausgesprochen Menschliches.
Wir strengen uns an.
Jetzt muss doch endlich etwas kommen.
Wir suchen nach einem Tier.
Wir versuchen, einen Wald zu erzeugen.
Wir überlegen, was wir eigentlich sehen sollten.
Und plötzlich beschäftigen wir uns nicht mehr mit Wahrnehmung.
Wir produzieren Erwartungen.
Das ist ein bisschen wie beim Einschlafen.
Je entschlossener du denkst:
„Ich MUSS JETZT SCHLAFEN!“
desto wacher kannst du werden.
Innere Wahrnehmung lässt sich ebenfalls nicht unbedingt durch mehr Anstrengung verbessern.
Manchmal braucht sie genau das Gegenteil:
weniger Druck.
Und wenn ich es mir nur ausdenke?
Willkommen bei der vermutlich meistgestellten Frage überhaupt. 😉
Kaum jemand beginnt mit schamanischen Reisen und denkt:
Fantastisch. Ich vertraue selbstverständlich allem, was gerade in meinem Kopf auftaucht.
Viel häufiger kommt:
„Das habe ich mir doch nur ausgedacht.“
Und darauf gibt es eine Antwort, die unsere Schüler ziemlich häufig von uns hören:
„Nimm es als wahr an.“
Nicht:
„Es IST wahr.“
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Wir behaupten damit nicht, dass jedes Bild, jeder Gedanke und jede Empfindung während einer Reise eine objektive Wirklichkeit beschreibt.
Wir sagen:
Bewerte es nicht sofort.
Nimm zunächst wahr, was auftaucht.
Und frage dich:
„Was würde es für mich bedeuten, wenn es wahr wäre?“
Ausgedacht oder wahrgenommen?
Vielleicht erscheint dir ein Fuchs.
Sofort meldet sich dein Verstand:
Natürlich sehe ich einen Fuchs. Ich habe gestern einen auf Instagram gesehen.
Das kann sein.
Vielleicht hat dein Gehirn tatsächlich auf eine Erinnerung zurückgegriffen.
Aber während der Reise musst du diese Frage noch gar nicht endgültig beantworten.
Bleib zunächst bei deinem Erlebnis.
Was tut der Fuchs?
Kommt er näher?
Läuft er weg?
Sollst du ihm folgen?
Ignoriert er dich?
Was geschieht als Nächstes?
Erst erleben. Später prüfen.
Nach der Reise darfst du reflektieren.
Was hat das Bild mit meiner Frage gemacht?
Hat es etwas verändert?
War es nur kurz da?
Entstand daraus etwas Weiteres?
Taucht dieses Motiv häufiger auf?
Hat es für mich überhaupt eine Bedeutung?
Und manchmal lautet die Antwort tatsächlich:
Nein.
Auch das ist vollkommen in Ordnung.
Aber woher weiß ich irgendwann, was meiner Intuition entspricht?
Durch Erfahrung.
Und genau deshalb kann man schamanische Wahrnehmung nicht ausschließlich aus einem Buch lernen.
Du musst deine eigene Wahrnehmung kennenlernen.
Mit der Zeit bemerkst du möglicherweise Unterschiede.
Da gibt es Bilder, nach denen du bewusst gesucht hast.
Gedanken, die du unbedingt haben wolltest.
Und dann gibt es vielleicht diesen vollkommen absurden Satz, der plötzlich mitten in einer Reise auftaucht und bei dem du denkst:
„Wo kommt DER denn jetzt her?“
Manchmal versteht man etwas sofort.
Manchmal erst später.
Manchmal überhaupt nicht.
Es geht nicht darum, irgendwann jedem inneren Impuls blind zu vertrauen.
Im Gegenteil.
Vertrauen und Reflexion müssen gemeinsam wachsen.
Denn besonders wenn wir später mit anderen Menschen arbeiten, wird dieser Unterschied entscheidend.
Eine eigene Wahrnehmung ist zunächst genau das:
meine Wahrnehmung.
Keine unumstößliche Wahrheit über einen anderen Menschen.
Der Vergleich mit anderen macht uns unnötig unsicher
Kehren wir noch einmal zu Sabine zurück.
Neben ihr sitzt jemand, der gerade eine Reise beschrieben hat wie einen Kinofilm.
Und Sabine hat:
ein warmes Gefühl,
weichen Boden,
einen Gedanken,
und irgendwann dieses seltsame:
„Links.“
Wer von beiden hatte die bessere Reise?
Wir wissen es nicht.
Vielleicht keiner.
Vielleicht beide.
Denn Detailreichtum ist kein Qualitätsmerkmal.
Ein wunderschöner innerer Film muss nicht automatisch bedeutsamer sein als ein einziges Wort.
Manchmal kann gerade ein unscheinbarer Eindruck eine entscheidende Frage öffnen.
Deshalb vergleichen wir Reisen nicht danach, wer am meisten gesehen hat.
Vielleicht beginnt deine Reise ganz leise
Das ist vielleicht das Wichtigste, was wir Menschen vor ihrer ersten schamanischen Reise sagen möchten:
Erwarte nicht, dass deine Wahrnehmung genauso funktioniert wie die eines anderen Menschen.
Vielleicht siehst du.
Vielleicht hörst du.
Vielleicht fühlst du.
Vielleicht weißt du plötzlich etwas.
Vielleicht kommt zunächst nur ein einziger Gedanke.
Und vielleicht sitzt du nach deiner ersten Reise tatsächlich da und sagst:
„Da war nichts.“
Dann bedeutet das nicht:
Ich kann das nicht.
Es bedeutet lediglich:
Wir beginnen gerade herauszufinden, wie DU wahrnimmst.
Und das ist ein vollkommen anderer Satz.
Genau deshalb braucht Lernen Erfahrung
Eine schamanische Ausbildung kann dir Methoden vermitteln.
Sie kann dir erklären, wie Reisen aufgebaut sind, wie du dich vorbereitest und wie du verantwortungsvoll mit dem Erlebten umgehst.
Aber sie sollte dir nicht vorschreiben:
So muss deine Wahrnehmung aussehen.
Unser Ziel ist deshalb nicht, dass alle Schüler irgendwann dasselbe sehen.
Ganz im Gegenteil.
Wir möchten, dass Menschen lernen, ihre eigene Art der Wahrnehmung kennenzulernen.
Denn irgendwann geht es nicht mehr darum, die richtige Antwort des Lehrers zu finden.
Es geht darum, wahrzunehmen, zu reflektieren, Erfahrungen zu sammeln und zunehmend selbstständig damit umzugehen.
Und vielleicht stellst du dann irgendwann rückblickend fest:
Du hast bei deiner ersten Reise gar nicht nichts wahrgenommen.
Du hast nur noch nicht gewusst,
wonach du eigentlich lauschen solltest.
🌿 Wissen & Lernwege – Orenda Academy
Wege entdecken. Wissen vertiefen. Entwicklung leben.
Mit unserer Reihe „Wissen & Lernwege“ beantworten wir genau die Fragen, die vor und während einer schamanischen Ausbildung immer wieder auftauchen:
Kann jeder schamanisch reisen? Was, wenn ich nichts sehe? Denke ich mir das alles nur aus? Wie erkenne ich meine Intuition? Brauche ich besondere Fähigkeiten? Und wann bin ich eigentlich bereit, mit anderen Menschen zu arbeiten?
Denn Unsicherheit bedeutet nicht, dass du ungeeignet bist.
Manchmal bedeutet sie einfach:
Du bist gerade dabei, etwas zu lernen, für das du deine eigene Sprache erst entdecken musst.
Mehr über unsere Ausbildungen, Seminare und Lernwege findest du in der:


