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Was ein Katastropheneinsatz mit Menschen macht
Orenda Magazin – Sonderserie „Wenn der Wald brennt“
Teil 2: Die Menschen, die hineingehen
Rubrik: Mensch & Miteinander
Auf der einen Straßenseite fahren Autos fort.
Taschen liegen im Kofferraum. Kinder sitzen auf der Rückbank. Tiere werden mitgenommen. Menschen verlassen einen Ort, weil eine Gefahr näher gekommen ist.
Auf der anderen Straßenseite kommen ihnen Fahrzeuge entgegen.
Feuerwehr.
Rettungsdienst.
Polizei.
Katastrophenschutz.
Menschen fahren genau dorthin, wo andere gerade wegfahren.
Wir nennen das Mut.
Wir sprechen von Einsatzbereitschaft, Pflichtgefühl und manchmal von Heldentum.
Doch diese Begriffe können etwas verdecken:
Unter der Einsatzkleidung steckt ein Mensch.
Mit einem Körper, der Hitze spürt.
Mit einem Gehirn, das Gefahren erkennt.
Mit einem Nervensystem, das auf Bedrohung reagiert.
Mit einer Familie, die vielleicht zu Hause wartet.
Und mit einer Psyche, die nicht deshalb unverwundbar wird, weil jemand gelernt hat, in außergewöhnlichen Situationen außergewöhnlich gut zu funktionieren.
Der Mensch unter dem Helm
Wenn wir eine Feuerwehrfrau oder einen Feuerwehrmann bei einem Einsatz sehen, erleben wir meistens nur einen winzigen Ausschnitt.
Wir sehen jemanden, der weiß, was zu tun ist.
Das kann den Eindruck erwecken:
Diese Menschen haben eben keine Angst.
Doch das wäre biologisch sogar ausgesprochen ungünstig.
Ein Mensch, der Gefahren überhaupt nicht mehr wahrnimmt, wäre für einen solchen Einsatz kaum geeignet.
Entscheidend ist etwas anderes:
Professionelles Handeln bedeutet nicht, keine Stressreaktion zu haben.
Es bedeutet, trotz der Aktivierung des Stresssystems handlungsfähig zu bleiben.
Das gelingt unter anderem deshalb, weil Einsatzkräfte nicht vollkommen unvorbereitet in eine unbekannte Situation geraten.
Ausbildung, Übung, Erfahrung, klare Zuständigkeiten, Kommunikation und standardisierte Abläufe schaffen etwas, das unser Gehirn in einer Gefahrensituation dringend benötigt:
Orientierung.
Was geschieht im Körper unter Gefahr?
Wenn unser Gehirn eine Bedrohung erkennt, werden innerhalb kürzester Zeit verschiedene körperliche Systeme aktiviert.
Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol spielen dabei eine Rolle. Herz-Kreislauf-System, Atmung, Aufmerksamkeit und Energiebereitstellung können sich verändern.
Unser Organismus priorisiert.
Was jetzt wichtig ist, bekommt Aufmerksamkeit.
Was gerade keine Bedeutung für das unmittelbare Handeln hat, kann in den Hintergrund treten.
Das ist keine Fehlfunktion.
Es gehört zu einem biologischen System, das uns unter Bedrohung möglichst handlungsfähig halten soll.
Das amerikanische National Institute for Occupational Safety and Health weist darauf hin, dass Einsatzkräfte bei Katastrophen einer Vielzahl von Stressoren ausgesetzt sein können – darunter lange Arbeitszeiten, körperliche Belastung, Gefahren, unklare Situationen und die Konfrontation mit Leid und Zerstörung.
Und trotzdem können Menschen in solchen Situationen erstaunlich konzentriert arbeiten.
Warum?
Wenn Training dem Gehirn Antworten gibt
Stell dir zwei Menschen vor.
Beide sehen eine bedrohliche Situation.
Der erste denkt:
Was um Himmels willen soll ich jetzt machen?
Der zweite denkt:
Das ist meine Aufgabe. Das ist mein Team. Das ist mein nächster Schritt.
Beide können körperlich aktiviert sein.
Aber der zweite Mensch verfügt über etwas Entscheidendes:
Handlungsmuster.
Was häufig trainiert wurde, muss unter Stress nicht jedes Mal vollständig neu erfunden werden.
Genau deshalb sind Übungen, klare Rollen und Routinen in Einsatzorganisationen so bedeutsam.
Sie beseitigen die Gefahr nicht.
Sie beseitigen auch nicht automatisch Angst.
Aber sie reduzieren einen Teil der Unsicherheit.
Aus einem überwältigenden
„Da ist ein Feuer!“
werden einzelne Aufgaben:
Wo befindet sich mein Team?
Was ist mein Auftrag?
Welche Gefahren bestehen?
Wo ist der Rückzugsweg?
Was verändert sich?
Was muss jetzt getan werden?
Das Gehirn bekommt Struktur.
Und Struktur kann unter Stress enorm wertvoll sein.
Handlungsfähigkeit verändert Stress
Hier begegnen sich Teil 1 und Teil 2 unserer Sonderserie auf interessante Weise.
In Teil 1 haben wir über Menschen gesprochen, die warten.
Menschen, die nicht wissen, ob sie ihr Zuhause verlassen müssen.
Sie können das Feuer nicht löschen.
Sie können die Windrichtung nicht beeinflussen.
Sie können nur Informationen verfolgen und sich vorbereiten.
Einsatzkräfte befinden sich ebenfalls in einer Situation, die sie nicht vollständig kontrollieren können.
Aber sie besitzen eine konkrete Aufgabe.
Und das Gefühl, etwas tun zu können, beeinflusst, wie eine belastende Situation erlebt wird.
Das bedeutet nicht:
Wer handelt, hat keinen Stress.
Es bedeutet:
Hilflosigkeit und Handlungsfähigkeit sind psychologisch nicht dasselbe.
Warum Teamarbeit auch psychologisch schützt
Bei einem Großeinsatz ist niemand allein unterwegs.
Und das ist nicht nur organisatorisch wichtig.
Menschen regulieren Stress auch sozial.
Ein Kollege bemerkt, dass jemand erschöpft ist.
Eine Kameradin erinnert ans Trinken.
Jemand überprüft die Ausrüstung eines anderen.
Menschen sprechen miteinander.
Sie teilen Informationen.
Sie lösen Probleme gemeinsam.
Und manchmal fällt mitten in einer vollkommen absurden Situation ein ebenso absurder Witz.
Gerade dieser Humor kann Außenstehende irritieren.
Wie kann jemand jetzt lachen?
Doch Humor kann unter Belastung eine soziale und emotionale Funktion erfüllen. Er kann für einen kurzen Moment Distanz schaffen und Verbundenheit herstellen.
Peer-Support-Ansätze bei Einsatzkräften bauen ebenfalls auf der besonderen Bedeutung kollegialer Unterstützung auf: Menschen aus einem vergleichbaren beruflichen Umfeld können Erfahrungen oftmals anders einordnen als Außenstehende. Die US-amerikanische Substance Abuse and Mental Health Services Administration beschreibt Peer Support als eine mögliche Unterstützung für Einsatzkräfte nach Katastrophen.
Kameradschaft ist deshalb nicht nur ein schönes Wort.
Sie kann ein Teil psychischer Stabilisierung sein.
Funktionieren ist nicht dasselbe wie unverwundbar sein
Und hier entsteht ein Missverständnis.
Ein Feuerwehrmann arbeitet konzentriert zwölf Stunden in einer außergewöhnlichen Situation.
Also denken wir:
Der kann damit umgehen.
Ja.
Vielleicht kann er das tatsächlich sehr gut.
Aber gut funktionieren können und von etwas nicht berührt werden sind zwei unterschiedliche Dinge.
Menschen können während eines Ereignisses erstaunlich leistungsfähig sein und erst später merken, wie viel Kraft es gekostet hat.
Denn solange eine Aufgabe besteht, hat diese Aufgabe Priorität.
Erst wenn sie endet, kann die Aufmerksamkeit wieder stärker auf den eigenen Körper und die eigenen Gefühle zurückkehren.
Dann kommt möglicherweise die Erschöpfung.
Warum manche Reaktionen erst nach dem Einsatz kommen
Der Einsatz endet.
Die Uniform wird ausgezogen.
Die Einsatzkraft fährt nach Hause.
Und jetzt könnte man erwarten:
Gefahr vorbei – Stress vorbei.
So linear funktioniert unser Organismus jedoch nicht immer.
Nach belastenden Einsätzen können vorübergehend unter anderem auftreten:
Schlafprobleme.
Innere Unruhe.
Erschöpfung.
Gereiztheit.
Konzentrationsschwierigkeiten.
Wiederkehrende Gedanken an einzelne Situationen.
Der Wunsch, zunächst nicht darüber zu sprechen.
Oder das Bedürfnis, eine Weile einfach nur Ruhe zu haben.
Fachinformationen für Katastrophenhelfer beschreiben solche körperlichen, emotionalen und kognitiven Stressreaktionen als mögliche Folgen außergewöhnlicher Einsatzbelastungen.
Wichtig ist deshalb wieder dieselbe Unterscheidung wie in Teil 1:
Eine Reaktion ist noch keine Erkrankung.
Nicht jeder belastende Einsatz verursacht ein Trauma.
Nicht jede schlaflose Nacht ist eine posttraumatische Belastungsstörung.
Und nicht jeder Feuerwehrmann muss nach einem schwierigen Einsatz psychologisch „aufgearbeitet“ werden.
Menschen besitzen erhebliche Anpassungs- und Erholungsfähigkeiten.
Auch Schweigen kann zunächst normal sein
Zu Hause wartet vielleicht die Familie.
Die Tür geht auf.
Und die erste Frage lautet:
„Wie war es?“
Darauf folgt:
„Anstrengend.“
Oder:
„Alles gut.“
Oder schlicht:
„Ich möchte erst einmal duschen.“
Für Angehörige kann das schwierig sein.
Sie haben möglicherweise stundenlang gewartet.
Sie möchten wissen, was passiert ist.
Sie möchten helfen.
Doch Unterstützung bedeutet nicht automatisch:
Erzähl mir jetzt alles.
Psychologische Erste Hilfe nach Katastrophen folgt ausdrücklich nicht dem Prinzip, Menschen unmittelbar zum detaillierten Erzählen belastender Erfahrungen zu bewegen. Unterstützung soll sich vielmehr an den Bedürfnissen der Betroffenen orientieren.
Manche Menschen möchten reden.
Andere später.
Manche gar nicht ausführlich.
Eine hilfreiche Frage kann deshalb sein:
„Was brauchst du gerade?“
Vielleicht lautet die Antwort:
Essen.
Duschen.
Schlafen.
Ruhe.
Nähe.
Oder:
„Setz dich einfach zu mir.“
Die Familie fährt unsichtbar mit
Bei einem Katastropheneinsatz sehen wir die Einsatzkraft.
Was wir meistens nicht sehen, sind diejenigen, die auf sie warten.
Partnerinnen und Partner.
Kinder.
Eltern.
Freunde.
Und bei einem Ereignis in der eigenen Region kann eine zusätzliche Belastung entstehen:
Die Einsatzkraft hilft in einer Katastrophe, von der möglicherweise gleichzeitig die eigene Familie betroffen sein könnte.
Dann existieren zwei Rollen nebeneinander.
Ich bin hier verantwortlich.
Und:
Wie geht es eigentlich meinen Leuten zu Hause?
Das ist eine besondere Form der Belastung, die bei Katastrophen nicht übersehen werden sollte. Informationen für Katastrophenhelfer weisen darauf hin, dass Sorgen um die eigene Familie und deren Sicherheit die Einsatzbelastung zusätzlich verstärken können.
Und auch Angehörige tragen einen Teil des Einsatzes.
Nur eben zu Hause.
„Ich habe mir das ausgesucht“
Es gibt einen Satz, der in helfenden Berufen problematisch werden kann:
„Ich habe mir diesen Beruf ausgesucht. Damit muss ich klarkommen.“
Natürlich wissen Feuerwehrleute, Rettungskräfte und andere Einsatzkräfte, dass ihr Tätigkeitsfeld Belastungen beinhaltet.
Aber Wissen schützt nicht automatisch vor jeder psychischen Reaktion.
Ein Chirurg kann vom Tod eines Patienten berührt sein.
Eine Pflegekraft kann erschöpft sein.
Ein Therapeut kann eine Geschichte mit nach Hause nehmen.
Und ein Feuerwehrmann kann ein Bild gesehen haben, das ihn nicht sofort wieder loslässt.
Berufliche Kompetenz hebt menschliche Psychologie nicht auf.
Vielleicht sollten wir deshalb Stärke nicht daran messen, nichts zu fühlen.
Sondern daran, wahrnehmen zu können:
Etwas beschäftigt mich – und ich kümmere mich darum.
Wenn Helfen an Grenzen stößt
Menschen in helfenden Berufen erleben noch eine besondere Form von Belastung.
Sie treten an, um etwas zu tun.
Um zu löschen.
Zu retten.
Zu schützen.
Aber manchmal reicht alles Können nicht aus.
Ein Haus kann verloren gehen.
Ein Waldstück kann nicht gehalten werden.
Ein Tier kann nicht erreicht werden.
Vielleicht wird ein Mensch trotz aller Bemühungen schwer verletzt oder stirbt.
Dann kann eine quälende Frage entstehen:
Hätte ich mehr tun können?
Nicht jede solche Frage ist rational.
Und dennoch kann sie sehr real empfunden werden.
In der Forschung wird in bestimmten Kontexten auch über moral injury, moralische Verletzung oder moralischen Stress gesprochen: Belastungen können entstehen, wenn Menschen Situationen erleben, in denen tief verankerte moralische Erwartungen verletzt werden oder sie etwas nicht verhindern konnten, obwohl sie es unbedingt wollten. Das Konzept wird unter anderem bei militärischem Personal und zunehmend auch bei anderen hoch belasteten Berufsgruppen untersucht.
Nicht jeder schwere Einsatz führt zu einer solchen Erfahrung.
Aber der Gedanke macht etwas sichtbar:
Manchmal belastet nicht nur das, was ein Mensch gesehen hat.
Sondern auch das, was er trotz aller Bemühungen nicht verhindern konnte.
Wann sollte genauer hingeschaut werden?
Eine einzelne schlechte Nacht nach einem extremen Einsatz ist noch keine Diagnose.
Auch Müdigkeit, vorübergehende Gereiztheit oder das Bedürfnis nach Rückzug können zunächst Teil der Verarbeitung sein.
Aufmerksam sollte man jedoch werden, wenn Beschwerden über längere Zeit bestehen bleiben oder stärker werden.
Zum Beispiel wenn jemand dauerhaft kaum schlafen kann, belastende Erinnerungen immer wieder unkontrolliert auftauchen, Situationen zunehmend vermieden werden, starke Reizbarkeit oder emotionale Taubheit entstehen oder Arbeit, Beziehungen und Alltag deutlich beeinträchtigt werden.
Auch ein zunehmender Gebrauch von Alkohol oder anderen Substanzen, um abschalten oder schlafen zu können, sollte ernst genommen werden.
Einsatzkräfte haben ein erhöhtes Risiko für verschiedene psychische Belastungen, wobei die tatsächliche Reaktion stark von Art, Häufigkeit und Intensität der Exposition sowie individuellen und sozialen Schutzfaktoren abhängt.
Dann ist Unterstützung kein Zeichen mangelnder Eignung.
Im Gegenteil.
Sich rechtzeitig Unterstützung zu holen kann Teil professioneller Selbstverantwortung sein.
Was schützt Menschen in belastenden Einsätzen?
Wir können nicht jede Belastung verhindern.
Aber wir kennen Faktoren, die Menschen unterstützen können.
Gute Vorbereitung und Ausbildung.
Klare Aufgaben.
Verlässliche Führung.
Pausen und Ablösung.
Ausreichend Essen und Trinken.
Schlaf und Erholung.
Kameradschaft.
Soziale Unterstützung außerhalb des Einsatzes.
Möglichkeiten, Belastungen ohne Stigmatisierung anzusprechen.
Und Zugang zu professioneller Unterstützung, wenn sie benötigt wird.
Besonders interessant ist dabei:
Viele dieser Dinge sind überhaupt nicht spektakulär.
Psychische Stabilität entsteht nicht ausschließlich in Therapieräumen.
Manchmal beginnt sie mit einem Kollegen, der sagt:
„Du setzt dich jetzt zehn Minuten hin. Ich übernehme.“
Die Botschaft hinter den Symptomen
Nachdem wir die wissenschaftlichen Hintergründe betrachtet haben, möchten wir den Blick noch auf eine persönliche Ebene richten.
Wie immer gilt:
Eine mögliche persönliche Bedeutung von Symptomen ist keine wissenschaftliche Erklärung ihrer Ursache und ersetzt weder medizinische noch psychotherapeutische Diagnostik.
Und gerade bei Einsatzkräften möchten wir vermeiden, jede Reaktion psychologisch zu überinterpretieren.
Ein erschöpfter Mensch kann schlicht erschöpft sein.
Ein Mensch, der nach zwölf Stunden Einsatz seine Ruhe möchte, muss nicht automatisch etwas verdrängen.
Trotzdem können manche Reaktionen Anlass sein, sich selbst aufmerksam zuzuhören.
Mögliche Erklärungen
Vielleicht fällt es jemandem schwer, nach einem Einsatz abzuschalten, weil der Körper noch in Alarmbereitschaft ist.
Vielleicht taucht immer wieder eine Situation auf, in der er sich machtlos gefühlt hat.
Vielleicht beschäftigt ihn eine Entscheidung.
Vielleicht kommt ein alter Einsatz wieder hoch.
Vielleicht steckt hinter Gereiztheit schlicht massive Erschöpfung.
Oder hinter dem Satz
„Es ist doch alles gut“
manchmal die Sorge:
Wenn ich zugebe, dass mich etwas getroffen hat – halten die anderen mich dann noch für belastbar?
Keine dieser Möglichkeiten gilt automatisch.
Aber sie kann eine Einladung sein, genauer hinzuschauen.
Fragen zur Selbstreflexion
Nach einem außergewöhnlich belastenden Einsatz könnten Fragen hilfreich sein wie:
Wie geht es meinem Körper eigentlich, seit ich zurück bin?
Kann ich schlafen?
Kann ich abschalten?
Gibt es eine Situation, die immer wieder auftaucht?
Brauche ich gerade Menschen – oder zunächst Ruhe?
Gibt es etwas, über das ich gerne sprechen würde, mich aber nicht traue?
Versuche ich gerade, etwas mit Alkohol oder anderen Mitteln wegzudrücken?
Und vielleicht die schwierigste Frage:
Erlaube ich mir eigentlich, Mensch zu sein – oder glaube ich, dass ich in meiner Rolle immer stark sein muss?
Und dann ist da noch etwas anderes
Bis hierhin haben wir viel über Belastung gesprochen.
Doch damit würden wir nur die Hälfte der Geschichte erzählen.
Denn Katastrophen zeigen nicht nur, was Menschen aushalten müssen.
Sie zeigen manchmal auf erstaunliche Weise, was Menschen füreinander tun können.
Feuerwehren unterstützen einander.
Menschen aus anderen Orten kommen dazu.
Verpflegung wird organisiert.
Material wird bereitgestellt.
Nachbarn kümmern sich.
Landwirte helfen.
Freiwillige übernehmen Aufgaben.
Menschen arbeiten stundenlang neben anderen Menschen, die sie vorher vielleicht kaum kannten.
Und plötzlich werden Dinge unwichtig, über die man sich gestern noch gestritten hat.
Gemeinschaft ist mehr als Zusammenleben
Vielleicht ist genau deshalb dieser zweite Teil unserer Sonderserie ein Beitrag für Mensch & Miteinander.
Denn Gemeinschaft zeigt sich nicht nur darin, dass Menschen miteinander feiern.
Gemeinschaft zeigt sich auch darin, dass jemand mitten in der Nacht aufsteht, weil irgendwo ein anderer Mensch Hilfe braucht.
Dass jemand Verantwortung übernimmt für ein Haus, das ihm nicht gehört.
Für einen Wald, den er nicht besitzt.
Für Menschen, deren Namen er nicht kennt.
Und vielleicht ist das eine der bemerkenswertesten Eigenschaften unserer Spezies:
Wir können für Fremde Verantwortung übernehmen.
Nicht immer.
Nicht überall.
Aber gerade in Katastrophen wird sichtbar, wie stark dieses menschliche Bedürfnis nach Kooperation sein kann.
Und es geht weit über die Einsatzkräfte hinaus.
Es sind die Menschen, die Kaffee kochen.
Die Essen bringen.
Die Kinder betreuen.
Die Tiere aufnehmen.
Die einen Schlafplatz anbieten.
Die Nachrichten weitergeben.
Die zu Hause warten.
Und diejenigen, die irgendwann fragen:
„Und wer kümmert sich eigentlich um die Helfer?“
Wenn der Helm wieder im Spind liegt
Irgendwann wird dieser Einsatz enden.
Vielleicht riecht die Kleidung noch nach Rauch.
Vielleicht tun die Beine weh.
Vielleicht ist da Erleichterung.
Vielleicht Stolz.
Vielleicht Traurigkeit.
Vielleicht einfach nur Hunger.
Der Helm kommt zurück an seinen Platz.
Die Einsatzjacke wird ausgezogen.
Und darunter erscheint wieder der Mensch, der die ganze Zeit dort gewesen ist.
Nicht unverwundbar.
Nicht automatisch traumatisiert.
Nicht weniger professionell, weil ihn etwas berührt.
Sondern einfach:
ein Mensch, der etwas Außergewöhnliches geleistet hat.
Vielleicht ist Dankbarkeit deshalb nicht nur:
„Danke, dass ihr uns beschützt.“
Vielleicht gehört noch etwas dazu:
„Und bitte passt auch auf euch selbst und aufeinander auf.“
Denn wir brauchen keine Helden, die niemals müde werden.
Wir brauchen Menschen, die lange helfen können, weil auch jemand auf sie achtet.
🔥 Sonderserie: Wenn der Wald brennt
Dieser Beitrag ist Teil 2 unserer dreiteiligen Orenda-Magazin-Sonderserie über den Waldbrand im Hürtgenwald.
Teil 1 – Die Menschen, die warten
Was Angst und Unsicherheit mit uns machen, wenn Zuhause plötzlich nicht mehr selbstverständlich sicher ist.
Teil 2 – Die Menschen, die hineingehen
Was ein Katastropheneinsatz mit Feuerwehrleuten und Helfenden macht – und warum Stärke nicht bedeutet, nichts zu fühlen.
Teil 3 – Die Natur, die bleibt
Was Feuer mit Wald, Boden und Tieren macht, warum wir um Landschaft trauern können – und wie Leben nach einem Brand zurückkehrt.
Drei Perspektiven.
Ein Ereignis.
Und drei vollkommen unterschiedliche Fragen danach, was geschieht, wenn etwas, das gestern selbstverständlich war, innerhalb weniger Stunden nicht mehr selbstverständlich ist.
🌿 Orenda-Magazin
Geschichten, die berühren. Wissenschaft, die verständlich wird. Und Denkanstöße, die bleiben.
🎧 Podcast hören – 📖 Blog lesen – 💚 Verstehen statt verurteilen.
Wenn du einen Menschen kennst, der gerade im Einsatz ist oder in den vergangenen Tagen viele Stunden dort verbracht hat, musst du ihm vielleicht gar nicht erklären, wie er sich fühlen sollte.
Vielleicht reicht eine ganz andere Frage:
„Wie geht es dir – und was brauchst du gerade?“
Und dann hören wir zu.
Denn manchmal beginnt Fürsorge für diejenigen, die sich um alle anderen kümmern, genau dort.


