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❤️ Die Frau, die immer ging – und trotzdem nie wirklich gehen konnte
Wenn Liebe zur Verantwortung wird: Warum Co-Abhängigkeit entsteht, warum Loslassen so schwer ist – und weshalb manchmal beide Hilfe brauchen
Vielleicht erinnerst du dich an Anna.
An die Frau aus unserem Podcast, die immer wieder sagte:
„So kann es nicht weitergehen.“
Sie hatte diesen Satz nicht nur einmal ausgesprochen.
Sie hatte Koffer gepackt. Sie hatte bei einer Freundin übernachtet. Sie hatte sich geschworen, beim nächsten Mal wirklich zu gehen.
Und manchmal war sie tatsächlich gegangen.
Für einen Abend.
Für ein Wochenende.
Einmal sogar für mehrere Wochen.
Doch irgendwann kam der Anruf.
Manchmal war er verzweifelt. Manchmal reumütig. Manchmal wütend. Manchmal versprach er, nun wirklich etwas zu verändern.
Und manchmal musste er gar nichts Besonderes sagen.
Es genügte, dass Anna sich vorstellte, wie er allein in der Wohnung saß.
Dann begann dieses Ziehen in ihr.
Was, wenn er jetzt völlig abstürzt?
Was, wenn er wieder trinkt?
Was, wenn etwas passiert?
Und schließlich der Gedanke, gegen den alle anderen Argumente kaum noch ankamen:
Was, wenn ich ihn gerade dann im Stich lasse, wenn er mich am dringendsten braucht?
Also ging Anna zurück.
Immer wieder.
Nicht, weil sie vergessen hatte, was geschehen war.
Nicht, weil sie nicht wusste, dass ihr diese Beziehung zunehmend schadete.
Sondern weil sich irgendwann etwas verschoben hatte:
Sie fühlte sich nicht mehr nur als seine Partnerin.
Sie fühlte sich verantwortlich für sein Leben.
Und genau dort beginnt unsere Geschichte über Co-Abhängigkeit.
Wenn aus „Ich liebe dich“ langsam „Ich muss dich retten“ wird
Eine Beziehung beginnt selten mit dem Gedanken:
Ich werde von nun an dein Leben organisieren.
Am Anfang ist da vielleicht einfach Fürsorge.
Der Partner hat gerade eine schwierige Zeit.
Er trinkt etwas zu viel.
Er spielt häufiger, als ihm guttut.
Er nimmt Medikamente anders ein als vorgesehen.
Er konsumiert Drogen.
Oder es geht gar nicht um eine Substanz: Glücksspiel und andere Verhaltenssüchte können Familien ebenfalls erheblich belasten.
Also hilft man.
Man übernimmt einmal eine Rechnung.
Man sagt eine Verabredung für ihn ab.
Man ruft beim Arbeitgeber an.
Man erfindet eine Erklärung für die Familie.
Man räumt die Flaschen weg.
Man kontrolliert das Konto.
Man durchsucht Taschen.
Man fragt:
„Hast du heute etwas genommen?“
Und irgendwann merkt man gar nicht mehr, dass sich die eigenen Tage um die Frage drehen:
Wie geht es ihm heute?
Die Forschung kennt diese Belastung sehr gut. Angehörige von Menschen mit Substanzproblemen erleben häufiger erheblichen Stress und psychische Belastungen; beschrieben werden unter anderem eingeschränkte Lebensqualität, soziale Isolation, Selbstvorwürfe und teilweise auch körperliche Beschwerden. Das Problem eines Menschen bleibt also keineswegs bei diesem Menschen. Es kann ein ganzes Beziehungssystem erfassen.
📦 Kurz erklärt: Was bedeutet eigentlich Co-Abhängigkeit?
Hier müssen wir genauer sein, als es viele populäre Ratgeber sind.
Co-Abhängigkeit ist kein klar abgegrenztes Krankheitsbild mit allgemein anerkannten diagnostischen Kriterien.
Der Begriff entstand historisch vor allem im Umfeld von Suchterkrankungen und wurde später wesentlich weiter verwendet.
Heute beschreibt er im allgemeinen Sprachgebrauch Beziehungsmuster, bei denen sich ein Mensch zunehmend auf die Probleme, Bedürfnisse und das Verhalten eines anderen konzentriert, dabei eigene Bedürfnisse zurückstellt und möglicherweise Verantwortung übernimmt, die eigentlich beim anderen Menschen liegt.
Wissenschaftlich wird das Konzept jedoch unterschiedlich definiert und diskutiert.
Deshalb ist nicht jeder fürsorgliche Partner „co-abhängig“.
Und ein Mensch, der jahrelang versucht hat, einem suchtkranken Angehörigen zu helfen, ist nicht automatisch selbst krank.
Manchmal beschreibt ein anderes Bild die Situation besser:
Ein Mensch versucht, unter dauerhaft schwierigen Bedingungen irgendwie zurechtzukommen.
Die unsichtbare Schicht unter der Sucht
Anna hatte lange geglaubt, das Problem sei der Alkohol.
Wenn er endlich aufhörte zu trinken, dachte sie, würde alles wieder gut.
Das ist verständlich.
Denn Alkohol war das Sichtbare.
Die Flaschen konnte sie zählen.
Den Geruch konnte sie wahrnehmen.
Die Ausreden konnte sie überprüfen.
Doch eine Suchterkrankung besteht nicht einfach darin, dass ein Mensch „zu wenig Disziplin“ besitzt.
Bei Abhängigkeit greifen biologische, psychologische und soziale Prozesse ineinander. Belohnungslernen, Gewohnheiten, Stressregulation, Verfügbarkeit der Substanz, psychische Belastungen und das soziale Umfeld können zusammenspielen.
Deshalb scheitert der Satz „Dann hör doch einfach auf“ so häufig an der Wirklichkeit einer Suchterkrankung.
Und trotzdem bleibt etwas entscheidend:
Verstehen bedeutet nicht, Verantwortung abzunehmen.
Anna konnte verstehen, warum ihr Partner trank.
Sie konnte ihn unterstützen.
Sie konnte ihm Behandlungsmöglichkeiten zeigen.
Aber sie konnte nicht für ihn entscheiden, nüchtern zu werden.
Und wovon ist Anna abhängig?
Diese Frage stellte Anna sich irgendwann selbst.
Und sie erschreckte sie.
Denn inzwischen brauchte sie keinen Alkohol, keine Tabletten und kein Glücksspiel.
Aber brauchte sie vielleicht ihn?
Oder noch genauer:
Brauchte sie das Gefühl, von ihm gebraucht zu werden?
Hier lohnt sich große Vorsicht.
Es wäre verführerisch zu sagen:
„Der eine ist vom Alkohol abhängig, der andere vom Helfen.“
Als Bild kann das etwas verständlich machen. Medizinisch sind diese Dinge aber nicht einfach gleichzusetzen.
Viel hilfreicher ist die Frage:
Welche Funktion hat Annas Verhalten inzwischen für Anna selbst?
Vielleicht beruhigt Kontrolle für einen Moment ihre Angst.
Wenn sie weiß, wo er ist, fühlt sie sich sicherer.
Wenn sie die Flaschen findet, verschwindet wenigstens die Ungewissheit.
Wenn sie eine Krise verhindert, erlebt sie kurz Erleichterung.
Wenn er nach einem Streit weint und verspricht, sich zu ändern, kehrt Hoffnung zurück.
Und wenn er sagt:
„Ohne dich schaffe ich das nicht“,
kann aus all der Erschöpfung plötzlich wieder Bedeutung werden.
Dann entsteht ein Kreislauf.
Nicht zwingend eine zweite Suchterkrankung.
Aber möglicherweise ein Beziehungsmuster, das sich selbst stabilisiert.
🌿 Wusstest du schon?
Die moderne Angehörigenforschung betrachtet Familienmitglieder von Menschen mit Suchterkrankungen zunehmend nicht bloß als Helfer des „eigentlichen Patienten“.
Sie sind Menschen mit eigenen Belastungen und eigenen Unterstützungsbedürfnissen.
Das sogenannte Stress-Strain-Coping-Support-Modell beschreibt vereinfacht einen wichtigen Zusammenhang:
Die Suchterkrankung eines nahestehenden Menschen erzeugt Stress.
Dieser Stress kann Angehörige körperlich und psychisch belasten.
Wie stark diese Belastung wird, hängt unter anderem davon ab, wie Menschen mit der Situation umgehen und welche Unterstützung ihnen zur Verfügung steht.
Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel.
Die Frage lautet nicht mehr:
„Was stimmt mit dieser Frau nicht, dass sie immer noch bleibt?“
Sondern:
„Was hat sie über Jahre erlebt – und wie hat sie gelernt, damit umzugehen?“
Warum geht sie nicht einfach?
Von außen scheint die Lösung manchmal offensichtlich.
Dann geh doch.
Zwei Worte.
Für Anna lagen zwischen diesen beiden Worten jedoch zehn Jahre gemeinsames Leben.
Erinnerungen.
Gute Zeiten.
Versprechen.
Gemeinsame Freunde.
Finanzen.
Vielleicht Kinder.
Vielleicht ein Haus.
Vielleicht die Angst vor dem Alleinsein.
Und vor allem:
Hoffnung.
Menschen verlassen schließlich nicht nur einen schwierigen Partner.
Sie müssen häufig auch die Vorstellung verlassen, wer dieser Mensch wieder werden könnte.
Anna kannte schließlich auch den anderen Mann.
Den lustigen.
Den aufmerksamen.
Den Mann, mit dem sie nachts stundenlang gesprochen hatte.
Den Mann, der morgens Kaffee ans Bett brachte.
Den Mann, der manchmal wochenlang kaum trank und sie glauben ließ:
Jetzt haben wir es geschafft.
Und genau deshalb war jede gute Phase so mächtig.
Sie bewies Anna scheinbar:
Er ist doch noch da.
Hoffnung kann ein sehr starkes Band sein
Wenn auf schwierige Phasen immer wieder gute folgen, kann das Loslassen besonders kompliziert werden.
Nach Angst kommt Erleichterung.
Nach Streit Versöhnung.
Nach Enttäuschung ein Versprechen.
Nach Distanz wieder Nähe.
Damit wird nicht automatisch jede wechselhafte Beziehung zu einer „Traumabindung“, wie es in sozialen Medien manchmal vorschnell behauptet wird.
Aber aus der Lernpsychologie wissen wir grundsätzlich, dass unvorhersehbare positive Erfahrungen Verhalten sehr hartnäckig aufrechterhalten können.
Für Anna bedeutet das:
Sie wartet nicht nur auf Veränderung.
Sie hat Veränderung immer wieder für kurze Zeit erlebt.
Und genau deshalb kann die nächste Hoffnung stärker sein als die Erinnerung an die letzte Enttäuschung.
Wenn Verantwortung ihre Adresse wechselt
Irgendwann hatte Anna Aufgaben übernommen, die früher seine gewesen waren.
Sie kontrollierte Termine.
Sie achtete auf Geld.
Sie entschuldigte Fehlzeiten.
Sie überprüfte seinen Konsum.
Sie verhinderte, dass andere bemerkten, wie schlimm es geworden war.
Alles mit einem nachvollziehbaren Ziel:
Schaden verhindern.
Doch genau hier liegt eines der großen Dilemmata für Angehörige.
Eine Handlung kann kurzfristig helfen und langfristig ein Problem stabilisieren.
Wenn Anna jedes Mal die Folgen seines Verhaltens beseitigt, erlebt ihr Partner möglicherweise weniger von dessen Konsequenzen.
Das bedeutet nicht, dass Anna „schuld an seiner Sucht“ wäre.
Das ist sie nicht.
Es bedeutet lediglich:
Hilfe kann manchmal unbeabsichtigt dazu beitragen, dass Verantwortung dort nicht ankommt, wo sie hingehört.
Und diese Erkenntnis tut weh.
Denn Anna hat all das aus Liebe getan.
Liebe oder Kontrolle?
Diese Frage klingt hart.
Doch Anna musste sie sich irgendwann stellen.
Wenn sie seine Taschen durchsucht …
sein Konto kontrolliert …
ihn ständig anruft …
Flaschen sucht …
Termine überwacht …
versucht, Begegnungen zu verhindern …
ist das noch Fürsorge?
Oder versucht sie inzwischen, durch Kontrolle eine Situation beherrschbar zu machen, die sie eigentlich nicht beherrschen kann?
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort:
Es kann beides gleichzeitig sein.
Liebe und Angst.
Fürsorge und Kontrolle.
Hoffnung und Verzweiflung.
Menschen sind komplizierter als die Kategorien, in die wir sie gern einordnen.
Der Moment, in dem Anna plötzlich niemanden mehr retten musste
Dann geschah etwas Merkwürdiges.
Ihr Partner war einige Wochen stabil.
Keine großen Krisen.
Keine verschwundenen Gelder.
Keine nächtlichen Diskussionen.
Anna hätte erleichtert sein müssen.
Stattdessen wurde sie unruhig.
Sie wusste plötzlich nicht, was sie mit sich anfangen sollte.
Jahrelang hatte ihr inneres Radar ständig gearbeitet.
Wie ist seine Stimmung?
Hat er getrunken?
Wo ist er?
Kommt heute eine Krise?
Nun war es still.
Und in dieser Stille begegnete Anna jemandem, den sie lange kaum noch wahrgenommen hatte:
sich selbst.
Was wollte sie eigentlich?
Was machte ihr Freude?
Wen hatte sie seit Monaten nicht gesehen?
Wann hatte sie zuletzt etwas getan, das überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte?
Sie konnte die Fragen kaum beantworten.
Das ist vielleicht eine der tiefsten Seiten solcher Beziehungsmuster:
Wer jahrelang um einen anderen Menschen kreist, muss beim Loslassen nicht nur lernen, ihn weniger zu kontrollieren.
Er muss möglicherweise lernen, wieder ein eigenes Leben zu haben.
Was die eigene Geschichte damit zu tun haben kann
Nicht jeder Mensch, der in einer belastenden Beziehung bleibt, hatte eine schwierige Kindheit.
Und nicht jede frühe Erfahrung erklärt späteres Verhalten.
Trotzdem lohnt sich manchmal der Blick zurück.
Vielleicht lernte ein Kind früh:
Ich muss aufpassen, wie Papa heute nach Hause kommt.
Vielleicht musste es die Stimmung der Mutter lesen.
Vielleicht schlichtete es Streit.
Vielleicht übernahm es Aufgaben, für die eigentlich Erwachsene verantwortlich gewesen wären.
Vielleicht erhielt es besonders viel Anerkennung dafür, vernünftig, hilfreich und unkompliziert zu sein.
Ein solches Kind kann Fähigkeiten entwickeln, die später durchaus wertvoll sind:
Feinfühligkeit.
Verantwortungsbewusstsein.
Empathie.
Aufmerksamkeit für andere.
Problematisch werden sie erst, wenn daraus eine unausgesprochene Lebensregel entsteht:
Ich bin wertvoll, wenn ich gebraucht werde.
Dann kann sich Überverantwortung irgendwann wie Liebe anfühlen.
🌿 Die Botschaft hinter den Symptomen
Nachdem wir die wissenschaftlichen Hintergründe betrachtet haben, möchten wir den Blick auf eine weitere Ebene richten: die persönliche Bedeutung, die Symptome im Leben eines Menschen entwickeln können.
Die folgenden Gedanken verstehen sich als Einladung zur persönlichen Reflexion. Aus Sicht des Orenda-Magazins entstehen die Bedeutung und mögliche Zusammenhänge von Symptomen immer im Kontext der individuellen Lebensgeschichte, gemachter Erfahrungen und erlernter Denk- und Verhaltensmuster. Sie sind daher niemals allgemeingültig zu verstehen.
💭 Mögliche Erklärungen
Wer über lange Zeit mit Unberechenbarkeit, Konflikten oder wiederkehrenden Krisen lebt, kann dauerhaft angespannt sein.
Schlafprobleme, Erschöpfung, innere Unruhe, Konzentrationsprobleme oder körperliche Stressreaktionen können viele Ursachen haben und gehören medizinisch abgeklärt.
Auf der persönlichen Ebene kann es zusätzlich sinnvoll sein zu fragen, welche Belastungen ein Mensch über lange Zeit getragen hat.
Vielleicht hat er gelernt, ständig wachsam zu sein.
Vielleicht fällt Entspannung schwer, weil Ruhe lange bedeutete, eine mögliche Krise nicht rechtzeitig zu bemerken.
Vielleicht wurden eigene Bedürfnisse so häufig zurückgestellt, dass sie kaum noch wahrgenommen werden.
Vielleicht meldet sich Erschöpfung dort, wo ein Mensch seit Jahren versucht, für zwei Menschen stark zu sein.
Das sind keine allgemeingültigen Deutungen.
Es sind mögliche Fragen an die eigene Lebensgeschichte.
🌿 Fragen zur Selbstreflexion
Wann frage ich zuerst, wie es dem anderen geht – und wann frage ich, wie es mir geht?
Welche Verantwortung trage ich tatsächlich?
Welche habe ich übernommen, obwohl sie einem anderen Erwachsenen gehört?
Was befürchte ich, würde passieren, wenn ich nicht eingreife?
Fühle ich mich schuldig, wenn ich Grenzen setze?
Brauche ich das Gefühl, gebraucht zu werden, um mich wertvoll zu fühlen?
Welche Konsequenzen seines Verhaltens habe ich bisher für meinen Partner abgefangen?
Was würde sich in meinem Leben verändern, wenn ich nicht mehr versuchen müsste, ihn zu retten?
Und vielleicht die schwierigste Frage:
Wenn sich dieser Mensch niemals verändert – möchte ich mein Leben trotzdem genauso weiterleben?
Wenn zwei Menschen Hilfe brauchen
Vielleicht ist dies der wichtigste Punkt dieses gesamten Artikels.
Bei einer Suchterkrankung braucht der erkrankte Mensch Behandlung.
Aber daraus folgt nicht, dass alle anderen lediglich lernen müssen, ihn besser zu unterstützen.
Auch Angehörige dürfen Hilfe ausschließlich für sich selbst bekommen.
Nicht erst, wenn der Partner bereit ist.
Nicht erst, wenn die Beziehung kurz vor dem Ende steht.
Nicht erst, wenn sie selbst zusammenbrechen.
Forschungsarbeiten zeigen, dass psychosoziale Interventionen für Angehörige Belastung und depressive Symptome reduzieren sowie Bewältigung und teilweise Familienfunktionen verbessern können. Gleichzeitig ist die Studienlage keineswegs perfekt; Untersuchungen sind teilweise klein und unterschiedliche Interventionen lassen sich nur begrenzt miteinander vergleichen.
Trotzdem ist die Grundbotschaft bemerkenswert:
Angehörige sind nicht machtlos, nur weil der andere noch keine Hilfe annehmen möchte.
Kann man einem Menschen helfen, der keine Hilfe will?
Nicht indem man ihn zwingt.
Aber Angehörige können lernen, anders mit der Situation umzugehen.
Ein besonders interessantes wissenschaftlich untersuchtes Verfahren ist CRAFT – Community Reinforcement and Family Training.
Dabei geht es gerade nicht darum, den Angehörigen beizubringen, den suchtkranken Menschen noch besser zu retten.
Sie lernen unter anderem Kommunikation, Selbstfürsorge, den Umgang mit problematischem Verhalten und Möglichkeiten, Veränderungsbereitschaft zu unterstützen.
Systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass CRAFT die Wahrscheinlichkeit erhöhen kann, dass zunächst behandlungsunwillige Menschen schließlich professionelle Suchthilfe in Anspruch nehmen. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Studie, Zielgruppe und Durchführung deutlich.
Das ist wichtig.
Denn es zeigt einen dritten Weg zwischen:
„Ich muss ihn retten.“
und
„Ich kann überhaupt nichts tun.“
Beides stimmt so nicht.
Anna kann Einfluss nehmen.
Aber sie kann keine Entscheidung erzwingen.
Und wenn beide die Beziehung retten wollen?
Dann darf die Frage irgendwann nicht mehr lauten:
Wer von uns ist das Problem?
Sondern:
Was ist zwischen uns entstanden – und welchen Teil davon kann jeder von uns verändern?
Der abhängige Partner muss Verantwortung für seine Erkrankung und sein Verhalten übernehmen.
Anna muss lernen, Verantwortung zurückzugeben.
Er kann lernen, Hilfe anzunehmen.
Sie kann lernen, Grenzen zu setzen.
Er muss die Folgen seines Handelns aushalten.
Sie darf aufhören, jede dieser Folgen abzufangen.
Und beide müssen möglicherweise lernen, wieder miteinander zu sprechen, ohne dass jedes Gespräch aus Kontrolle, Verteidigung, Vorwürfen und Versprechen besteht.
Forschung zu familien- und paarbezogenen Interventionen bei Substanzproblemen zeigt, dass die Einbeziehung nahestehender Menschen hilfreich sein kann. Sie ersetzt jedoch nicht die individuelle Behandlung der Suchterkrankung – und gemeinsame Arbeit ist nicht in jeder Beziehung oder Situation angezeigt.
Insbesondere dort, wo Gewalt, Bedrohung oder fehlende Sicherheit eine Rolle spielen, steht nicht die Rettung der Beziehung an erster Stelle.
Sicherheit steht an erster Stelle.
🌿 Aus der Praxis: Wir suchen nicht nach dem Schuldigen
Wenn Menschen mit solchen Geschichten zu uns kommen, erleben wir häufig eine große Erschöpfung.
Manchmal sitzt vor uns der Mensch mit dem problematischen Konsum.
Manchmal sein Partner.
Und manchmal beide.
Unsere erste Frage lautet dann nicht:
„Wer hat angefangen?“
Uns interessiert, wie dieses System entstanden ist.
Welche Geschichte bringt jeder mit?
Welche Aufgaben hat einer für den anderen übernommen?
Welche Ängste halten das Muster aufrecht?
Wo wurden Grenzen verschoben?
Was geschieht unmittelbar vor einer Krise – und was danach?
Was versucht jeder von beiden durch sein Verhalten zu erreichen?
Denn hinter einem scheinbar unverständlichen Verhalten kann eine Funktion liegen.
Der eine versucht vielleicht, Gefühle nicht spüren zu müssen.
Der andere versucht vielleicht, durch Kontrolle endlich wieder Sicherheit herzustellen.
Das entschuldigt schädliches Verhalten nicht.
Aber es macht Veränderung überhaupt erst denkbar.
In unserer Begleitung geht es deshalb nicht darum, einem Menschen vorzuschreiben, ob er bleiben oder gehen soll.
Es geht darum, Klarheit zurückzugewinnen.
Eigene Bedürfnisse wieder wahrzunehmen.
Grenzen zu erkennen.
Verantwortung zu sortieren.
Biografische Muster zu verstehen.
Und wieder unterscheiden zu können:
Was gehört zu mir – und was gehört zum anderen?
Bei einer bestehenden Suchterkrankung gehört die medizinische, psychotherapeutische beziehungsweise suchttherapeutische Behandlung selbstverständlich in entsprechend qualifizierte Hände. Unsere psychologische und komplementäre Begleitung kann dabei eine zusätzliche Ebene sein: um Beziehungsmuster, Lebensgeschichte, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung anzuschauen.
Denn manchmal braucht nicht nur ein Mensch Unterstützung.
Manchmal brauchen zwei Menschen Hilfe – aber nicht unbedingt dieselbe.
Muss Anna gehen?
Vielleicht erwartest du an dieser Stelle eine Antwort.
Sie wäre bequem.
Aber sie wäre nicht seriös.
Manche Beziehungen können sich verändern.
Andere nicht.
Manche Menschen werden nüchtern.
Andere erleben Rückfälle.
Manche Paare finden eine neue Form des Miteinanders.
Andere erkennen, dass ihre gemeinsame Geschichte zu Ende ist.
Und manche Menschen müssen sich aus einer Beziehung lösen, um sich selbst zu schützen.
Niemand außerhalb dieser Beziehung kann aus einem Artikel heraus entscheiden, welcher Weg für Anna richtig ist.
Aber Anna kann etwas anderes lernen:
Sie darf entscheiden, was für ihr eigenes Leben richtig ist – unabhängig davon, ob ihr Partner sich verändert.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
🌿 Orendas Denkanstoß
Vielleicht bedeutet Loslassen gar nicht immer zuerst, einen Menschen zu verlassen.
Vielleicht beginnt Loslassen viel früher.
Damit, seine Flaschen nicht mehr zu zählen.
Seine Ausreden nicht mehr zu erfinden.
Seine Termine nicht mehr zu retten.
Seine Verantwortung nicht mehr zu tragen.
Seine Veränderung nicht mehr zur Voraussetzung für das eigene Leben zu machen.
Und vielleicht beginnt Liebe manchmal mit einem Satz, der zunächst hart klingt:
„Ich liebe dich. Aber ich kann dein Leben nicht für dich leben.“
Darin steckt keine Gleichgültigkeit.
Vielleicht steckt darin sogar eine sehr erwachsene Form von Liebe.
Die Liebe, die sagt:
Ich sehe deine Not.
Ich bin bereit, dich auf deinem Weg zu unterstützen.
Aber gehen musst du ihn selbst.
Und gleichzeitig:
Ich darf meinen eigenen Weg wieder gehen.
🌿 Hat dich dieses Thema beschäftigt?
Vielleicht hast du beim Lesen an einen Menschen gedacht.
Vielleicht an deinen Partner.
An ein Elternteil.
An ein erwachsenes Kind.
Oder vielleicht zum ersten Mal an dich selbst.
Wenn dein Leben zunehmend davon bestimmt wird, einen anderen Menschen zu kontrollieren, aufzufangen oder zu retten, darfst auch du Unterstützung suchen – unabhängig davon, ob dieser Mensch bereits bereit ist, etwas zu verändern.
In der Orenda – Praxis für archaische Medizin begleiten wir Menschen dabei, Beziehungsmuster und ihre eigene Lebensgeschichte zu verstehen, Grenzen wieder wahrzunehmen und herauszufinden, welche Verantwortung tatsächlich zu ihnen gehört.
Nicht mit der Frage:
„Warum bist du nicht längst gegangen?“
Sondern mit der viel wichtigeren:
„Was brauchst du, damit dein Leben wieder dein eigenes werden kann?“
📚 Quellen
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Roozen H.G., de Waart R., van der Kroft P. (2010): Community reinforcement and family training: an effective option to engage treatment-resistant substance-abusing individuals in treatment. Addiction, 105(10), 1729–1738.
Orenda Magazin – Beziehungen, die bleiben
Liebe verstehen. Beziehungen bewusst gestalten.


