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Wenn Menschen fehlen – obwohl Menschen da sind

Menschen verstehen. Gemeinsam wachsen.


Sabines Handy war nicht kaputt

Vielleicht erinnerst du dich an Sabine aus unserem Podcast.

Es war ein ganz gewöhnlicher Dienstagabend. Sie saß auf ihrem Sofa, neben ihr lag das Handy. Es war eingeschaltet, der Akku war voll, Empfang war da.

Es klingelte nur nicht.

Sabine lebte allein. Aber eigentlich, so sagte sie, könne sie gut allein sein. Sie ging einkaufen, unterhielt sich mit der Kassiererin, kannte ihre Nachbarn und ging einmal in der Woche zum Sport.

Sie war also keineswegs völlig von anderen Menschen abgeschnitten.

Und trotzdem gab es Tage, an denen niemand sie fragte:

„Wie geht es dir eigentlich – wirklich?“

Nicht dieses schnelle „Alles gut?“, bei dem die erwartete Antwort schon feststeht.

Sondern die Frage, bei der jemand auch die Zeit hat, die Antwort zu hören.

Irgendwann schlief Sabine schlechter. Sie fühlte sich häufiger erschöpft. Verabredungen erschienen ihr zunehmend anstrengend, und manchmal sagte sie sie ab.

Damit begann ein Kreislauf:

Je einsamer sie sich fühlte, desto mehr zog sie sich zurück. Und je mehr sie sich zurückzog, desto kleiner wurde ihre Welt.

Aber kann ein Gefühl tatsächlich körperlich krank machen?

Genau hier wird Einsamkeit wissenschaftlich interessant.


Einsamkeit ist nicht dasselbe wie Alleinsein

Zunächst müssen wir zwei Dinge voneinander trennen, die im Alltag häufig gleichgesetzt werden.

Alleinsein ist ein Zustand. Einsamkeit ist ein Erleben.

Ein Mensch kann allein in einem Haus leben, morgens zufrieden seinen Kaffee trinken, mit dem Hund spazieren gehen, seinen Garten genießen und sich wunderbar aufgehoben fühlen.

Ein anderer kann mit seinem Partner am Abendbrottisch sitzen, tagsüber mit zwanzig Kollegen sprechen und am Wochenende seine Familie besuchen – und sich dennoch zutiefst einsam fühlen.

Denn entscheidend ist nicht allein die Anzahl unserer Kontakte.

Einsamkeit entsteht vereinfacht gesagt dort, wo eine Lücke besteht zwischen den Beziehungen, die wir uns wünschen, und denen, die wir tatsächlich als verfügbar, nah und erfüllend erleben.

Daneben gibt es die soziale Isolation. Sie beschreibt stärker die objektive Seite: Wie viele soziale Kontakte und Beziehungen bestehen tatsächlich?

Beides kann zusammen auftreten.

Muss es aber nicht.

Und genau deshalb wäre es falsch, jeden alleinlebenden Menschen automatisch für einsam zu halten.


📦 Kurz erklärt

Alleinsein: Ich bin gerade ohne andere Menschen – und kann das durchaus genießen.

Soziale Isolation: Mein tatsächliches soziales Netzwerk beziehungsweise meine Kontakte sind stark eingeschränkt.

Einsamkeit: Ich empfinde meine sozialen Beziehungen als unzureichend oder vermisse Nähe, Zugehörigkeit oder Verbundenheit.

Ein Mensch kann also allein sein, ohne einsam zu sein – und einsam sein, ohne allein zu sein.


Warum ist Verbundenheit für uns so wichtig?

Wir Menschen sind keine Einzelgänger, die irgendwann aus Bequemlichkeit beschlossen haben, Gruppen zu bilden.

Unser Überleben war über einen sehr langen Teil unserer Entwicklungsgeschichte davon abhängig, dass andere Menschen da waren.

Gemeinsam konnte Nahrung beschafft werden.

Kinder konnten versorgt werden.

Kranke und Verletzte hatten eine größere Chance zu überleben.

Gefahren ließen sich gemeinsam besser bewältigen.

Zugehörigkeit war damit nicht nur angenehm.

Sie bedeutete Sicherheit.

Natürlich leben wir heute nicht mehr in kleinen Gruppen, die gemeinsam vor Raubtieren Schutz suchen müssen. Doch unser Organismus hat deshalb nicht aufgehört, auf soziale Sicherheit und Unsicherheit zu reagieren.

Und vielleicht erklärt das ein Stück weit, warum Zurückweisung so weh tun kann.

Warum uns ein Streit noch Stunden später beschäftigt.

Warum wir immer wieder auf das Handy schauen, wenn ein wichtiger Mensch nicht antwortet.

Und warum sich Einsamkeit nicht einfach mit dem Satz abschalten lässt:

„Ich brauche eben niemanden.“

Doch was passiert eigentlich im Körper, wenn dieses Gefühl nicht nur einen Abend, sondern Monate oder Jahre bleibt?


Wenn Einsamkeit den Körper erreicht

Hier ist wissenschaftliche Genauigkeit besonders wichtig.

Wir können nicht sagen:

„Einsamkeit verursacht Krankheit X.“

Gesundheit entsteht aus einem komplizierten Zusammenspiel biologischer, psychischer, sozialer und verhaltensbezogener Faktoren.

Auch die Forschung zu Einsamkeit besteht zu einem großen Teil aus Beobachtungsstudien. Sie kann sehr überzeugende Zusammenhänge zeigen, aber nicht automatisch beweisen, dass Einsamkeit allein die Ursache einer Erkrankung ist.

Trotzdem ist das Gesamtbild bemerkenswert.

Eine große systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2023 wertete 90 prospektive Kohortenstudien mit mehr als 2,2 Millionen Menschen aus. Sowohl soziale Isolation als auch Einsamkeit waren mit einem erhöhten Risiko verbunden, im Beobachtungszeitraum zu sterben. Bei Einsamkeit lag die zusammengefasste Risikoerhöhung für die Gesamtsterblichkeit bei etwa 14 Prozent, bei sozialer Isolation bei etwa 32 Prozent.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein einsamer Mensch „14 Prozent früher stirbt“ oder dass sich daraus das persönliche Risiko eines einzelnen Menschen berechnen lässt.

Es bedeutet:

Über sehr große Gruppen hinweg zeigt sich ein statistischer Zusammenhang, den die Forschung ernst nimmt.

Und inzwischen versucht sie zunehmend zu verstehen, warum.


1. Das Stresssystem – wenn Sicherheit fehlt

Stell dir vor, dein Körper besitzt eine Alarmanlage.

Ihre Aufgabe ist nicht, dich glücklich zu machen.

Ihre Aufgabe ist, dich zu schützen.

Wenn dein Gehirn eine Situation als unsicher bewertet, werden verschiedene Systeme aktiviert, die den Organismus auf Reaktion vorbereiten.

Kurzfristig ist das ausgesprochen sinnvoll.

Problematisch kann es werden, wenn Belastung dauerhaft wird und Erholung zu kurz kommt.

Bei chronischer Einsamkeit werden deshalb unter anderem Veränderungen der Stressregulation als möglicher Vermittlungsweg untersucht. Gleichzeitig ist das Verhältnis komplex und wahrscheinlich wechselseitig: Belastung kann Beziehungen erschweren – und fehlende soziale Unterstützung kann Belastungen schwerer wiegen lassen. Ein umfassender Review beschreibt entsprechend nicht einen einzigen Mechanismus, sondern ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer, verhaltensbezogener und gesellschaftlicher Faktoren.

Vielleicht kennen wir dieses Prinzip sogar aus unserem eigenen Alltag.

Ein schwieriger Tag fühlt sich anders an, wenn wir abends jemanden anrufen können und sagen:

„Du glaubst nicht, was heute passiert ist.“

Das Problem ist dadurch nicht verschwunden.

Aber wir tragen es nicht mehr allein.


2. Schlaf – wenn die Nacht nicht richtig erholt

Sabine bemerkte als Erstes, dass sie schlechter schlief.

Das ist interessant, denn auch zwischen Einsamkeit und Schlaf findet die Forschung Zusammenhänge.

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 27 Studien fand einen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und selbst berichteten Schlafstörungen. Interessanterweise ging es dabei nicht einfach darum, dass einsame Menschen grundsätzlich weniger Stunden schliefen. Vielmehr war die Schlafqualität beziehungsweise Schlafstörung auffällig. Die Forschenden betonten zugleich, dass aus diesen Daten die Richtung des Zusammenhangs nicht sicher bestimmt werden kann.

Auch hier können sich Kreisläufe entwickeln.

Wer schlecht schläft, ist erschöpfter.

Wer erschöpft ist, hat möglicherweise weniger Kraft für soziale Aktivitäten.

Wer sich häufiger zurückzieht, erlebt weniger Begegnungen.

Und wer sich dadurch noch einsamer fühlt, schläft womöglich wiederum schlechter.

Die Frage lautet deshalb manchmal gar nicht:

Was war zuerst da?

Viel wichtiger kann sein:

An welcher Stelle lässt sich dieser Kreislauf unterbrechen?


3. Entzündungsprozesse – interessant, aber noch keine einfache Geschichte

Vielleicht hast du schon einmal gelesen:

„Einsamkeit verursacht Entzündungen.“

So eindeutig ist die Forschung nicht.

Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersuchte verschiedene Entzündungsmarker. Dabei ergab sich kein durchgehend einheitliches Bild: Für manche Marker wurden Zusammenhänge gefunden, für andere nicht; außerdem unterschieden sich die eingeschlossenen Studien methodisch deutlich. Die Autoren kamen deshalb zu dem Schluss, dass Einsamkeit und soziale Isolation mit systemischen Entzündungsprozessen verbunden sein könnten, robustere Forschung aber nötig ist, um diese Zusammenhänge und Mechanismen genauer zu klären.

Und genau diese Unsicherheit gehört ebenfalls zur Wissenschaft.

Nicht jede interessante Hypothese ist bereits eine bewiesene Tatsache.

Wir vereinfachen Wissenschaft – wir vereinfachen niemals die Wahrheit.


4. Herz und Kreislauf – soziale Beziehungen werden zum Gesundheitsfaktor

Besonders intensiv untersucht wird der Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Eine aktuelle Metaanalyse von Kohortenstudien mit insgesamt mehr als fünf Millionen Teilnehmenden fand für soziale Isolation beziehungsweise Einsamkeit zusammengefasst ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Autoren weisen zugleich auf erhebliche Unterschiede zwischen den Studien hin.

Bereits frühere systematische Untersuchungen hatten Zusammenhänge mit koronarer Herzkrankheit und Schlaganfall beschrieben.

Doch auch hier gilt:

Einsamkeit sitzt nicht wie ein kleiner Kobold auf dem Herzen und macht es krank.

Vielmehr könnten verschiedene Wege zusammenspielen:

Stressregulation.

Schlaf.

Bewegung.

Ernährung.

Gesundheitsverhalten.

Psychische Belastung.

Entzündungs- und Stoffwechselprozesse.

Und natürlich Erkrankungen, die ihrerseits dazu führen können, dass ein Mensch weniger am sozialen Leben teilnimmt.

Die Beziehung läuft also möglicherweise in beide Richtungen.

Das ist wesentlich spannender – und ehrlicher – als die Schlagzeile:

„Einsamkeit macht herzkrank.“


🌿 Wusstest du schon?

Eine der größten Metaanalysen zum Thema umfasste Daten von 2.205.199 Menschen.

Dabei zeigte sich noch etwas Wichtiges:

Soziale Isolation und Einsamkeit sind eigenständige Größen.

Wir sollten deshalb nicht nur danach fragen, ob jemand viele Kontakte hat.

Sondern auch:

Fühlt sich dieser Mensch mit anderen verbunden?

Denn hundert Namen im Smartphone können einen Menschen nicht ersetzen, bei dem wir uns wirklich gesehen fühlen.


Warum Einsamkeit manchmal noch einsamer macht

Eigentlich müsste es logisch sein:

Wenn ein Mensch einsam ist, sucht er andere Menschen.

Doch wir Menschen funktionieren nicht immer nach dieser einfachen Rechnung.

Stell dir jemanden vor, der mehrfach erlebt hat, dass Einladungen abgelehnt wurden.

Oder jemanden, der in einer Gruppe immer wieder übergangen wurde.

Vielleicht einen Jugendlichen, der gemobbt wurde.

Einen Menschen nach einer schmerzhaften Trennung.

Oder jemanden, der jahrelang das Gefühl hatte, nirgendwo wirklich hineinzupassen.

Irgendwann wird Vorsicht verständlich.

Eine unbeantwortete Nachricht kann dann plötzlich mehr bedeuten als:

„Der andere hatte heute keine Zeit.“

Sie kann sich anfühlen wie:

„Ich bin ihm nicht wichtig.“

Eine abgesagte Verabredung wird vielleicht zu:

„Mich will sowieso niemand sehen.“

Und aus Selbstschutz zieht sich der Mensch zurück.

Das Tragische daran:

Die anderen erleben diesen Rückzug womöglich als Desinteresse.

Also melden sie sich ebenfalls seltener.

Und irgendwann scheint die Wirklichkeit genau das zu bestätigen, was der einsame Mensch längst befürchtet hat.

„Siehst du. Niemand interessiert sich für mich.“

Dabei haben möglicherweise zwei Seiten aufeinander gewartet.


Einsamkeit trägt viele Gesichter

Bei Einsamkeit denken wir schnell an einen älteren Menschen allein am Fenster.

Ja, Alter kann Lebenssituationen mit sich bringen, die Einsamkeit begünstigen: Partner und Freunde sterben, Mobilität kann abnehmen, der Arbeitsplatz als sozialer Ort fällt weg.

Aber Einsamkeit besitzt kein Mindestalter.

Sie kann 17 sein und jeden Morgen in einer vollen Schulklasse sitzen.

Sie kann 28 sein, gerade ein Baby bekommen haben und den ganzen Tag kaum eine Minute allein verbringen.

Sie kann 45 sein, verheiratet sein und seit Jahren kein wirklich persönliches Gespräch mehr mit dem Partner geführt haben.

Sie kann 63 sein und nach dem Ende des Berufslebens plötzlich feststellen, wie viele Kontakte eigentlich an den Arbeitsplatz gebunden waren.

Oder 82 und allein leben – und sich überhaupt nicht einsam fühlen.

Deshalb sollten wir Einsamkeit niemals von außen diagnostizieren.

Wir können einem Menschen ansehen, dass er allein sitzt.

Ob er sich einsam fühlt, kann nur er selbst sagen.


„Dann geh doch mal unter Leute“

Dieser Satz ist wahrscheinlich gut gemeint.

Und trotzdem kann er völlig am Problem vorbeigehen.

Denn Einsamkeit ist nicht automatisch ein Mangel an Menschen.

Sie ist häufig ein Mangel an erlebter Verbundenheit.

Wer sich in einer Gruppe unsichtbar fühlt, wird durch eine größere Gruppe nicht automatisch weniger einsam.

Wer Angst vor Zurückweisung hat, braucht möglicherweise nicht zehn neue Bekanntschaften.

Wer seinen Partner verloren hat, sucht vielleicht überhaupt keinen Ersatz für diesen Menschen.

Und wer jahrelang kaum soziale Kontakte hatte, für den kann schon der Gedanke an einen Verein mit dreißig Fremden überwältigend sein.

Deshalb beginnt Verbindung häufig kleiner.

Viel kleiner.


Was tatsächlich helfen kann

Es gibt nicht die eine Therapie gegen Einsamkeit, weil auch ihre Ursachen verschieden sind.

Manchmal fehlen schlicht Begegnungsmöglichkeiten.

Dann können regelmäßige Gruppen, Kurse, Vereine, Nachbarschaftsangebote, Ehrenamt oder gemeinsame Interessen Türen öffnen.

Manchmal bestehen Kontakte, aber keine tieferen Beziehungen.

Dann kann die Frage wichtiger sein:

Mit wem würde ich gern wieder etwas persönlicher werden?

Manchmal verhindern Ängste, schlechte Erfahrungen oder depressive Beschwerden, dass ein Mensch Nähe zulassen oder überhaupt aktiv suchen kann.

Dann kann professionelle psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein.

Und manchmal braucht es zunächst tatsächlich nur:

eine Nachricht.

einen Kaffee.

einen Spaziergang.

ein regelmäßiges Telefonat.

Wichtig ist dabei etwas, das in unserer auf Leistung ausgerichteten Welt leicht verloren geht:

Beziehungen brauchen Wiederholung.

Aus einem einzigen freundlichen Gespräch entsteht selten tiefe Verbundenheit.

Wir müssen Menschen wiedersehen.

Gemeinsam etwas erleben.

Vertrauen entwickeln.

Ein bisschen von uns zeigen.

Erleben, dass der andere wiederkommt.

Und selbst wiederkommen.

So entsteht aus Bekanntschaft langsam Beziehung.


🌿 Aus der Praxis

Einsamkeit kündigt sich selten mit den Worten an:

„Ich bin einsam.“

Viel häufiger hören wir Sätze wie:

„Ach, die anderen haben doch alle ihr eigenes Leben.“

„Ich will niemandem zur Last fallen.“

„Früher haben wir uns öfter gesehen.“

„Ich komme schon klar.“

Oder besonders häufig:

„Ich brauche niemanden.“

Keiner dieser Sätze beweist Einsamkeit.

Aber manchmal lohnt es sich, nicht sofort zum nächsten Thema überzugehen.

Vielleicht fragen wir stattdessen:

„Und bist du damit glücklich?“

Denn ein Mensch kann sehr selbstständig sein und sich trotzdem nach Nähe sehnen.

Das widerspricht sich nicht.

Vielleicht sollten wir deshalb auch unsere Vorstellung davon verändern, was Stärke bedeutet.

Stark sein heißt nicht unbedingt, niemanden zu brauchen.

Vielleicht gehört zur Stärke auch, sagen zu können:

„Ich würde mich freuen, wenn du ein bisschen bleibst.“


Die Botschaft hinter den Symptomen

Nachdem wir die wissenschaftlichen Hintergründe betrachtet haben, möchten wir den Blick auf eine weitere Ebene richten: die persönliche Bedeutung, die Symptome im Leben eines Menschen entwickeln können.

Die folgenden Gedanken verstehen sich als Einladung zur persönlichen Reflexion. Aus Sicht des Orenda-Magazins entstehen die Bedeutung und mögliche Zusammenhänge von Symptomen immer im Kontext der individuellen Lebensgeschichte, gemachter Erfahrungen und erlernter Denk- und Verhaltensmuster. Sie sind daher niemals allgemeingültig zu verstehen.

💭 Mögliche Erklärungen

Wenn ein Mensch sich zunehmend zurückzieht, schlecht schläft, erschöpft ist oder Nähe gleichzeitig vermisst und vermeidet, können sehr unterschiedliche Erfahrungen dahinterstehen.

Vielleicht wurde Nähe früher mit Enttäuschung verbunden.

Vielleicht musste jemand schon früh lernen, allein zurechtzukommen.

Vielleicht gab es Beziehungen, in denen Vertrauen verletzt wurde.

Vielleicht hat ein Mensch häufig erlebt, nicht dazuzugehören.

Oder vielleicht hat sich das Leben schlicht verändert: Kinder sind ausgezogen, eine Partnerschaft endete, ein geliebter Mensch starb, der Beruf fiel weg oder ein Umzug trennte von vertrauten Menschen.

Dann kann Rückzug manchmal Schutz bedeuten.

Und genau dieser Schutz kann irgendwann verhindern, dass neue Verbindung entsteht.

Nicht, weil mit diesem Menschen etwas nicht stimmt.

Sondern weil Verhalten oft eine Geschichte hat.

🌿 Fragen zur Selbstreflexion

Wann fühle ich mich wirklich verbunden – und mit wem?

Gibt es Menschen in meinem Leben, bei denen ich mich nicht verstellen muss?

Ziehe ich mich manchmal zurück, obwohl ich mir eigentlich wünsche, dass jemand auf mich zukommt?

Fällt es mir leicht, andere um Gesellschaft oder Unterstützung zu bitten?

Welche Erfahrungen haben geprägt, wie sicher oder unsicher sich Nähe für mich anfühlt?

Gibt es jemanden, an den ich häufig denke, bei dem ich aber darauf warte, dass er sich zuerst meldet?

Und vielleicht die wichtigste Frage:

Was wäre ein kleiner Schritt in Richtung Verbindung, der sich für mich heute machbar anfühlt?


Sabine und die Nachricht, die fast nicht abgeschickt wurde

Kehren wir noch einmal zu Sabine zurück.

Einige Wochen später saß sie wieder auf ihrem Sofa.

Das Handy lag neben ihr.

Nur diesmal wartete sie nicht darauf, dass es klingelte.

Sie nahm es in die Hand und schrieb einer alten Freundin:

„Ich musste heute an dich denken. Hast du irgendwann Lust auf einen Kaffee?“

Dann betrachtete sie die Nachricht.

Eine Minute.

Zwei Minuten.

Fast hätte sie sie gelöscht.

Was, wenn keine Antwort kam?

Was, wenn die Freundin keine Lust hatte?

Was, wenn sie sich lächerlich machte?

Dann drückte sie auf Senden.

Eine halbe Stunde später kam die Antwort:

„Sehr gerne. Ich habe mich schon öfter gefragt, ob ich mich bei dir melden soll.“

Und plötzlich saß Sabine da und musste lachen.

Zwei Frauen.

Zwei Handys.

Zwei Menschen, die aneinander gedacht hatten.

Und beide hatten darauf gewartet, dass die andere beginnt.

Vielleicht lässt sich Einsamkeit nicht mit einer Nachricht lösen.

Aber manchmal kann eine Nachricht eine Tür öffnen.


🌿 Orendas Denkanstoß

Vielleicht hast du beim Lesen an jemanden gedacht.

Einen alten Freund.

Eine Nachbarin.

Den ehemaligen Kollegen.

Deine Schwester.

Oder jemanden, von dem du schon seit Wochen sagst:

„Ich müsste mich eigentlich mal melden.“

Dann brauchst du heute kein großes Gespräch zu planen.

Vielleicht reichen fünf Worte:

„Ich habe an dich gedacht.“

Und wenn du selbst gerade der Mensch bist, dessen Handy zu still geworden ist, darfst auch du derjenige sein, der den ersten Schritt macht.

Nicht weil du schwach bist.

Nicht weil du jemanden „brauchst“, um vollständig zu sein.

Sondern weil wir Menschen für Verbindung gemacht sind.

Wir brauchen dabei nicht möglichst viele Menschen.

Wir brauchen Menschen, bei denen wir uns gesehen fühlen.

Und manchmal beginnt genau diese Verbindung mit einem ganz kleinen:

„Hallo. Wie geht es dir wirklich?“


🌿 Hat dich dieses Thema beschäftigt?

Vielleicht kennst du Einsamkeit selbst. Vielleicht hast du sie bei einem Menschen erlebt, den du liebst. Oder vielleicht hast du erst beim Lesen bemerkt, dass Einsamkeit viel weniger mit dem Alleinsein zu tun hat, als du bisher dachtest.

Wenn Einsamkeit dein Leben zunehmend bestimmt, du dich immer stärker zurückziehst oder zusätzlich unter anhaltender Niedergeschlagenheit, Angst oder anderen psychischen Belastungen leidest, darfst du dir Unterstützung suchen. Man muss nicht erst vollkommen vereinsamt sein, bevor man wieder Verbindung schaffen darf.

Und manchmal beginnt der erste Schritt tatsächlich damit, einem Menschen zu erzählen:

„Mir fehlt gerade jemand zum Reden.“


📚 Quellen

Wang F, Gao Y, Han Z et al. (2023). A systematic review and meta-analysis of 90 cohort studies of social isolation, loneliness and mortality. Nature Human Behaviour, 7, 1307–1319. Große Metaanalyse von 90 prospektiven Kohortenstudien mit mehr als 2,2 Millionen Teilnehmenden.

Smith KJ, Gavey S, Riddell NE et al. (2020). The association between loneliness, social isolation and inflammation: A systematic review and meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 112, 519–541. Die Ergebnisse zu Entzündungsmarkern sind gemischt und unterstreichen die noch bestehenden wissenschaftlichen Unsicherheiten.

Griffin SC, Williams AB, Ravyts SG et al. (2020). Loneliness and sleep: A systematic review and meta-analysis. Health Psychology Open, 7(1). Einsamkeit war mit selbst berichteten Schlafstörungen, nicht jedoch eindeutig mit kürzerer Schlafdauer verbunden.

Valtorta NK, Kanaan M, Gilbody S et al. (2016). Loneliness and social isolation as risk factors for coronary heart disease and stroke: systematic review and meta-analysis of longitudinal observational studies. Heart, 102, 1009–1016.

Long RM, Terracciano A, Sutin AR et al. (2023). Loneliness, Social Isolation, and Living Alone Associations With Mortality Risk in Individuals Living With Cardiovascular Disease. Psychosomatic Medicine, 85(1), 8–17. Die Autoren weisen neben den beobachteten Zusammenhängen auch auf Publikationsbias und methodische Unterschiede hin.

Systematic Review/Meta-analysis (2025). Association of social isolation, loneliness and risk of cardiovascular diseases: Meta-analysis of cohort studies. Analyse von sechs Kohortenstudien mit insgesamt mehr als 5,25 Millionen Teilnehmenden.

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