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Manchmal sind es ganz unscheinbare Momente.
Du füllst ein Formular aus und bleibst bei einer Frage hängen.
Du wirst irgendwo eingeladen und merkst, dass du zum ersten Mal allein hingehst.
Oder jemand fragt dich etwas, das du früher ganz selbstverständlich mit einem anderen Menschen besprochen hättest.
Und plötzlich ist da dieser Gedanke:
Wer bin ich eigentlich jetzt?
Nicht, weil du deinen Namen vergessen hättest oder nicht mehr weißt, was du magst.
Sondern weil ein Teil deines bisherigen Lebens immer auch mit einem anderen Menschen verbunden war.
Wir sind nie nur wir allein
Im Laufe eines Lebens entstehen Beziehungen, in denen wir ganz selbstverständlich bestimmte Rollen einnehmen.
Vielleicht warst du Ehepartner, Mutter, Vater, Tochter, Sohn, Schwester, Bruder oder bester Freund.
Vielleicht warst du derjenige, der immer den Urlaub geplant hat, während der andere gefahren ist.
Vielleicht hast du gekocht und der andere hat hinterher die Küche aufgeräumt.
Vielleicht gab es jemanden, den du morgens als Erstes angesehen hast und dem du abends noch schnell erzählt hast, was passiert ist.
Über Jahre entstehen solche kleinen Selbstverständlichkeiten.
Man denkt nicht darüber nach.
Man lebt sie einfach.
Bis einer fehlt.
Dann fehlt nicht nur dieser Mensch.
Es fehlt manchmal auch die vertraute Art, wie man selbst mit diesem Menschen gewesen ist.
Manche Seiten von uns gibt es nur mit bestimmten Menschen
Vielleicht kennst du das auch unabhängig von Trauer.
Mit einem Menschen bist du albern.
Mit einem anderen kannst du stundenlang reden.
Bei jemand anderem musst du überhaupt nichts erklären.
Bestimmte Menschen kennen Geschichten über uns, die sonst kaum jemand kennt.
Sie wissen, warum wir bei einem bestimmten Lied lachen.
Sie kennen alte Spitznamen.
Sie erinnern sich daran, wie wir vor zwanzig Jahren ausgesehen haben.
Und manchmal kennen sie sogar Versionen von uns, an die wir selbst kaum noch denken.
Wenn dieser Mensch stirbt, können sich deshalb nicht nur Gegenwart und Zukunft verändern.
Plötzlich fehlt auch jemand, der einen Teil der eigenen Vergangenheit mitgetragen hat.
Das kann sehr einsam machen.
Vielleicht hast du lange für jemanden gesorgt
Noch einmal anders kann es sein, wenn die Zeit vor dem Tod von Krankheit oder Pflege geprägt war.
Vielleicht hat sich dein Alltag über Monate oder Jahre um einen anderen Menschen gedreht.
Arzttermine.
Medikamente.
Einkaufen.
Organisieren.
Da sein.
Nachts lauschen, ob alles ruhig ist.
Und dann ist plötzlich nichts davon mehr nötig.
Von außen könnte das nach neuer Freiheit aussehen.
Aber Freiheit fühlt sich nicht automatisch frei an.
Manchmal fühlt sie sich zunächst einfach nur leer an.
Denn wenn eine Aufgabe lange einen großen Teil des eigenen Lebens bestimmt hat, entsteht nach ihrem Ende nicht sofort etwas Neues.
Dann darf die Frage auftauchen:
Was mache ich jetzt eigentlich mit mir?
Darauf musst du nicht sofort eine Antwort haben.
Du musst dich nicht „neu erfinden“
Diesen Satz hört man heute ziemlich oft.
Nach Veränderungen soll man sich neu erfinden.
Ein neues Kapitel beginnen.
Neue Ziele setzen.
Vielleicht sogar endlich Dinge tun, für die vorher keine Zeit war.
Das kann irgendwann schön sein.
Aber nach einem Verlust braucht niemand zusätzlich den Auftrag, möglichst schnell eine neue Version seiner selbst zu werden.
Vielleicht geht es zunächst um etwas viel Kleineres.
Darum, wieder herauszufinden:
Was tut mir gut?
Was mag ich eigentlich?
Was möchte ich heute essen?
Will ich Gesellschaft oder lieber meine Ruhe?
Möchte ich diesen Sonntag weiterhin so verbringen wie früher – oder würde mir etwas anderes guttun?
Das klingt banal.
Ist es aber nicht unbedingt.
Gerade wenn das eigene Leben lange eng mit dem eines anderen Menschen verbunden war.
Vielleicht gibt es auch Überraschungen
Irgendwann tust du möglicherweise etwas, von dem du immer überzeugt warst:
Das ist überhaupt nichts für mich.
Und dann gefällt es dir.
Vielleicht fährst du allein irgendwohin.
Du stellst ein Möbelstück anders hin.
Du gehst in ein Café, in dem du noch nie warst.
Du lernst jemanden kennen.
Oder du stellst fest, dass du sonntags plötzlich gerne lange frühstückst, obwohl es früher immer ganz anders war.
Solche Veränderungen können sich manchmal fast wie Untreue gegenüber dem früheren gemeinsamen Leben anfühlen.
Dabei bedeuten sie nicht, dass dieses Leben falsch war.
Du darfst etwas Neues mögen, obwohl du etwas Altes geliebt hast.
Und manches bleibt ganz selbstverständlich
Nicht alles verändert sich.
Vielleicht kochst du weiterhin dieses eine Gericht genauso.
Du pflegst den Garten weiter.
Du hörst dieselbe Musik.
Du erzählst dieselben schlechten Witze.
Vielleicht bemerkst du sogar Eigenschaften an dir, bei denen du irgendwann denkst:
Das habe ich von dir.
Oder:
Das habe ich durch dich gelernt.
Auch das gehört zu der Frage, wer du heute bist.
Denn ein Mensch verschwindet nicht einfach spurlos aus unserem Leben.
Beziehungen verändern uns.
Manches davon tragen wir weiter, ohne es bewusst zu merken.
Wer du jetzt bist, muss heute noch nicht feststehen
Vielleicht bist du gerade jemand, der versucht, sich in einem veränderten Leben zurechtzufinden.
Mehr muss es im Moment gar nicht sein.
Du musst noch nicht wissen, wie dein Leben in einem Jahr aussieht.
Du brauchst keinen großen Plan.
Vielleicht lernst du dich tatsächlich an manchen Stellen neu kennen.
Und an anderen stellst du fest:
Das bin immer noch ich.
Mit deiner Geschichte.
Mit allem, was du erlebt und geliebt hast.
Mit dem Menschen, der zu deinem Leben gehört hat.
Und gleichzeitig mit Möglichkeiten, von denen du heute vielleicht noch gar nichts weißt.
Es geht nicht darum, jemand anderes zu werden.
Vielleicht geht es vielmehr darum, nach und nach herauszufinden, wer du in diesem veränderten Leben sein möchtest.
Und dafür darfst du dir Zeit lassen.
Herzlichst
Iris


